Wer mit offenen Karten spielt kann auch gewinnen
Das Museum Neukölln und Eckedesign präsentieren die neue Dauerausstellung mit einem innovativen Ausstellungskonzept und zeitgemäßer Medieneinbindung. Die Entstehung der Ausstellung konnte jeder auf dem Blog der Museumswebsite verfolgen: von der Konzeption über die Objektauswahl und Restauration bis hin zum Aufbau. Der Museumsleiter und mehrere Museumsmitarbeiter bloggten und lieferten interessante Einblicke in ihre Arbeit und Arbeitsweise. Mit dieser Offenheit fernab vom offiziellen Ton traditioneller Presseerklärungen hat das Museum nicht nur aufmerksame Leser, die ihnen über Kommentare Feedback geben, sondern auch viele neue Besucher gewonnen.
Zur Ausstellung
Das Besondere am Ausstellungskonzept ist, das der Zugang zur Bezirksgeschichte ausschließlich über die 99 ausgewählten Objekte aus Neukölln erfolgt. Von einem geschnitzten Pfirsichkern über ein reich verziertes Toilettenbecken bis zum Mammut-Unterkiefer gibt es echte Skurilitäten zu sehen, aber auch Alltägliches wie eine Milchtüte, die Rütli-Mütze und einen Grabstein. Anders als in gewöhnlichen Sammlungsausstellungen sind die Objekte hier nicht nur Vertreter ihrer Zeit oder physische Beweise für irgendwelche Umstände oder Thesen, sondern jedes Objekt ist durch seine eigene Geschichte mit Neukölln verbunden, oft sogar mit einer bestimmten Person. So wurde der Pfirsichkern von dem politischen Gefangenen Fadil Al Saokal in Syrien für seinen Bruder im Libanon geschnitzt. Als der Bruder fliehen musste, nahm er den Pfirsichkern als Andenken 1989 mit ins Exil nach Berlin-Neukölln. Ein kleines Objekt mit einer großen und vor allem überraschenden Geschichte. Die meisten Geschichten sind überraschend, weil man etwas ganz anderes vermutet, schlimmsten Falls sogar nur eine dumpfe Objektbeschreibung wie man sie aus anderen Museen kennt.
»Vorrang im Auswahlprozess der Dinge, die Neukölln repräsentieren sollten, hatte die sinnliche Wirkung des Exponats, also ein ästhetisches Prinzip. Das ausgewählte Objekt sollte den Betrachter ansprechen, ihn neugierig machen und in seinen Bann ziehen. Dabei wurde darauf geachtet, dass eine Balance zwischen vermeintlich bekannten Dingen, weniger bekannten und unbekannten Dingen entsteht, um dem Besucher Anknüpfungspunkte für sein eigenes Wissen zu bieten.«
Udo Gösswald, Museumsleiter
Wie viel man über das einzelne Objekt erfahren möchte, kann jeder Besucher selbst bestimmen. Für diese Ausstellung wurden eigens Vitrinen mit einem schwenkbaren Touchscreen entwickelt, der den Besucher bei seinem Gang um die Vitrine begleitet und mit Informationen versorgt. Die Ausstellung kommt komplett ohne Texttafeln aus, da die Informationsvermittlung nur über die Touchscreens stattfindet. In dem Raum stehen vier große Rundvitrinen und zwei große Schaukästen an den Seiten des Raums. Im hinteren Teil des Raums gibt es zusätzlich zwei Sitzgelegenheiten mit Tischen und je zwei Monitoren. Da man nur über einen der zehn Touchscreens Informationen zu den einzelnen Objekten erhalten kann, kann man die Ausstellung nur optimal erkunden, wenn sich maximal zehn, also relativ wenig Besucher in dem Raum befinden. Selbst wenn man bei dem Touchscreen die Informationsmenge auf »easy« beschränkt, d.h. es wird zu jedem Objekt nur ein kurzer Text angezeigt ohne weitere Navigations- und Vertiefungsmöglichkeiten, so benötigt man den Touchscreen doch eine Weile um alle Objekte in dieser Vitrine zu besichtigen. Kein anderer Besucher kann in dieser Zeit mit den Objekten in der Vitrine etwas anfangen. Ich denke die Präsentation der Objekte hätte nicht an Klarheit und Schönheit verloren, wenn neben jedem Objekt ein kleines unauffälliges Schild wenigstens den Objekttitel verraten hätte, denn nicht jedes Objekt ist so leicht zu identifizieren wie eine Milchtüte. Andererseits kann ich auch den experimentellen Ansatz sehr gut verstehen, dass man es einfach mal ganz ohne Texttafeln schaffen wollte.
»Jedes Objekt wurde nach seiner möglichen Schlüsselfunktion für einen narrativen Kontext durchleuchtet und verschiedenen strukturellen Fragen zeitlicher, topographischer und thematischer Relevanz zugeordnet. Daraus entstand ein Kosmos Neukölln, der historische, soziale und politische Aspekte der Geschichte und Gegenwart des Bezirks Neukölln in einem Wissensnetz zusammenführt.« Udo Gösswald, Museumsleiter
Zu diesem Wissensnetzwerk hat der Besucher über den Touchscreen Zugang. Bedienoberfläche, Navigation und Gestaltung sind nicht nur angemessen schlicht und schön, sondern auch so benutzerfreundlich, das sie sicher auch die älteren Besucher von den Vorteilen dieser Technik überzeugen können. Auf den vier Touchscreens im hinteren Teil des Raumes bekommt man Informationen zu allen Objekten – entweder über die direkte Objektauswahl oder über die alternative Navigation »Was«, »Wann« und »Wo«. Bei den Touchscreens an den Vitrinen ist die Navigation auf die ca. 6 Objekte beschränkt die in dem Viertel der Vitrine liegen, vor dem der Besucher gerade steht. Geht der Besucher weiter um die Vitrine in das nächste Viertel, kann er die neuen Objekte auswählen. Eine nette und sinnvolle technische Spielerei, die verhindert, dass man die Objekte nur noch digital betrachtet: man muss quasi den Augenkontakt zum Objekt halten um etwas darüber zu erfahren. Der so mögliche unmittelbare Vergleich von Objekt und geschönter Fotografie, lässt das Objekt nicht unbedingt in schlechtem Licht erscheinen, sondern vermittelt vielmehr ein Gefühl für das Reale – und das kann einem in dieser digitalen Welt ja schnell abhanden kommen…
Das Wissensnetz mit unmittelbaren Informationen zum Objekt in Form von einigen Texten, Bildern, Filmen oder Tonaufnahmen, wird erweitert durch das »Super Wissensnetz«. Hier erfährt der Besucher Dinge, die nur noch entfernt mit dem Ausgangsobjekt zu tun haben, aber nicht weniger spannend sind. Auch im »Super Wissensnetz« verliert sich die Ausstellung aber nicht in den möglichen unendlichen Tiefen der Geschichte, sondern bleibt bei der Sache. Die Texte sind knackig und verständlich geschrieben. Es fehlt einem sicher die Ruhe in der Ausstellung alle 99 Objekte bis in den letzten Winkel des »Super Wissensnetzes« zu betrachten, aber das Gute an der digitalen Form ist ja, das sie nur wenig Platz wegnimmt und man selbst bestimmt wie viele Informationen man haben möchte. Der Anblick eines mit Texttafeln zugepflasterten Raumes hätte sicher den ein oder anderen Besucher verschreckt oder überfordert, auch wenn er über den Touchscreen vielleicht insgesamt die gleiche Menge an Informationen gelesen hat. Was man in der Ausstellung nicht schafft kann man zu hause nachholen, denn zumindest die Kurzinfos zu jedem Objekt stehen auch auf der Webseite des Museums. Aber nur wer in der Ausstellung schon alle Infos zu einem Objekt gelesen hat, kann die Quizfragen über den Touchscreen beantworten. Die Fragen sind weder zu schwer noch zu einfach und es sind auch nicht zu viele. Auf jeden Fall zeigen einem die Quiz-Fragen auf spielerische Art das man nicht umsonst in der Ausstellung war, sondern etwas gelernt hat.
Sehr schön und zeitgemäß finde ich die Möglichkeit für den Besucher zu jedem Objekt eine eigene Geschichte dazuschreiben zu können. Das kann man entweder direkt in der Ausstellung oder zuhause übers Internet tun. So hat der Neuköllner in dieser Ausstellung nicht das Gefühl, das hier nur eine übergeordnete Macht etwas über Neukölln schreibt, bzw. schreiben darf, sondern er hat das Gefühl ein Teil Neuköllns zu sein und kann sich an der Ausstellung beteiligen. Und außerdem endet die Geschichte des Bezirks ja nicht mit der Erstellung dieser Ausstellung – sie geht jeden Tag weiter.
Zum Blog
Ohne die moderne Medieneinbindung wären sicher deutlich weniger Besucher zur Eröffnung oder überhaupt in die Ausstellung gekommen und sie hätten auch nicht ganz so viel Interesse, keine Fragen und kein Vorwissen mitgebracht. Selbst ich, stets auf der Suche nach neuen Ausstellungen, wäre wohl nicht in das Heimatmuseum eines Bezirks gegangen, in dem ich noch nicht einmal wohne.
Das Internet – die Chance der kleinen Museen? Leider gibt es immer noch unendlich viele verschnarchte Museumswebseiten, auf denen gerade mal ein kleiner Hinweis auf der hundertsten Unterseite für die neue Wechselausstellung platziert ist – und diese Webseiten gehören nicht unbedingt den Heimatmuseen böhmischer Dörfer. Das ein oder andere berühmte Traditionshaus kann sich also am Museum Neukölln ruhig ein Beispiel nehmen! Die Webseite ist modern und übersichtlich gestaltet und bietet regelmäßig aktuelle Hintergrundinfos im Blog. So erfahren wir von Ulrike Dörner wie der ausgestellte Kanaldeckel restauriert wurde, von Thomas Marheinecke lernen wir einiges über seinen größten Feind den Schimmel, Eckedesign zeigt ein kleines Modell des Ausstellungsraumes und Museumsleiter Udo Gösswald erklärt uns persönlich wie die Touchscreens funktionieren werden. Die Einträge der Museumsmitarbeiter machen das glatt polierte Produkt »99 x Neukölln« menschlich.
Das jede Vitrine bei der Eröffnung auf Hochglanz poliert sein muss, alle Technik funktioniert etc. steht außer Frage, aber das allein reicht heute nicht mehr aus! In Zeiten des Mitmach-Internets, wo Wikis und Blogs wie Unkraut aus dem Boden schießen, hat sich der Fokus auf das Unperfekte, das Persönliche verschoben. Wir wollen sehen wie Dinge gemacht werden und wer sie gemacht hat, wir wollen wissen was andere darüber denken und wollen selbst unsere Meinung dazu sagen und wenn der Museumsdirektor uns auch noch persönlich antwortet sind wir glücklich. Es geht hierbei weniger darum einem Trend zu folgen, als darum eine Nachfrage zu bedienen. Sicher wird ein Museumsblog nie den Kultstatus eines Film-Making-Off’s erlangen, aber hinter die Kulissen blicken wir doch alle gern…
{ fin }




Im Eröffnungstrubel habe ich es versäumt, mich für die ausführliche und gelungene Beschreibung unserer Ausstellung zu bedanken. Das hole ich hiermit nach. Alles Gute für Sie. Am 18. Juni um 19 Uhr eröffnen wir übrigens den Wechselausstellungsraum.
Thomas Marheinecke
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Vielen Dank für den Hinweis, ich bin gespannt auf die Wechselausstellung und natürlich auch auf den Geschichtsspeicher…
Ich finde Ihren Blogbeitrag über die Ausstellung “99x Neukölln” sehr treffend! Ich hatte die Gelegenheit mit dem Leiter des Museums, Dr. Udo Gößwald, ein Interview zur Social-Media-Strategie seines Hauses zu führen. Dort beschreibt er den grundsätzlichen strategischen Ansatz, wie Blog und Twitter eingesetzt werden. Nachlesen kann man das Gespräch auf unserem Blog: http://bit.ly/bBp1Jh