Impressionen von der Langen Nacht der Museen
Für mich macht es keinen Sinn, bei der »Langen Nacht der Museen« Ausstellungen zu besuchen, die ich auch an jedem anderen Tag besichtigen kann. Das Besondere an dieser Nacht ist die Möglichkeit, auch hinter sonst verschlossene Türen blicken zu können und sich bei Musik und traditionellen Speisen einem speziellen Thema hinzugeben – in diesem Jahr dem Bicentenario, dem 200. Unabhängigkeitstag vieler lateinamerikanischer Länder von Spanien.
Rotes Rathaus
Meine Lange Nacht beginnt um 18 Uhr im Roten Rathaus mit einer leckeren kalten Avocado-Chilli-Suppe aus Brasilien zum erschwinglichen Preis von 3 Euro. Gestärkt und eingestimmt kann ich nun die Sonderausstellung über die Museumslandschaft von acht Bicentenario-Ländern im Wappensaal studieren. Mit acht Aufstellern und einigen Vitrinen ist die Ausstellung kleiner als gedacht, hat aber trotzdem Interessantes zu erzählen: sie stellt die wichtigsten Museen, Künstler und Sammlungsstücke aus Ecuador, Uruguay, Bolivien, Mexiko, Chile, Argentinien, Paraguay und Venezuela vor.
Mit farbenfrohen Dreiecken sind die Länder jeweils in einer abstrahierten Karte von Südamerika markiert. Auf einer Seite des Cubus wird kurz die Geschichte des Landes zusammengefasst. Wussten Sie, dass der Name Ecuador vom Äquator kommt oder Bolivien nach Simón Bolívar benannt ist? Der Text über die mexikanische Ausstellung »Asyl und Exil« philosophiert hingegen über die Bedeutung des Wortes Exil, was im Lateinischen eine Zusammensetzung aus »heraus« und »springen« ist. Ein linguistischer Un-Ort für den die lateinamerikanischen Völker lieber andere Wörter kreieren. So nennen sich spanische Flüchtling in Mexico z.B. trasterrados – verpflanzt.
Auf dem Rundweg zu Wowis Büro kommt man als nächstes an einer interaktiven Berlin-Karte von »Be Berlin« vorbei. Das witzige und gleichzeitig traurige daran ist, dass fast niemanden die Inhalte interessieren, sondern alle Besucher nur damit beschäftigt sind herauszufinden, wie der Touch-Tisch funktioniert oder nur aus Spaß an der Freude die aufpoppenden Sprechblasen hin und her schubsen. Dazu muss man sagen, dass der Touch-Tisch kein Touch-Screen, sondern eine Deckenprojektion auf eine weiße Tischplatte in der Form von Berlin ist.
Poetry Rain
Meine nächste Station ist der Lustgarten, denn hier findet das Highlight dieser Langen Nacht statt: Die chilenische Stelzenläufertruppe »Dulce Compania« zelebriert das chilenische Bicentenario mit einer bizarren Show rund um den Brunnen vor dem Alten Museum. Die fantastischen Kostüme in den Nationalfarben Rot, Blau und Weiß sind leider für diese herbstlichen Temperaturen etwas spärlich. Nichtsdestotrotz posiert eine der Tänzerinnen eine ganze Weile auf den nassen Stufen des Brunnens bis sie dann sogar mitten durch die Fontaine im Brunnen schreitet – natürlich unter tosendem Beifall.
Kaum ist die Show zu Ende, taucht am Horizont auch schon der Hubschrauber auf. Die Leute jubeln und klatschen. Als der Hubschrauber über dem Lustgarten schwebt und die ersten von 100.000 Gedicht-Karten vom Himmel fallen, rennen Kinder los und springen in die Höhe um die herabtrudelnden Karten zu fangen. Das ist bei dem relativ starken Wind nicht ganz einfach und sieht äußerst witzig aus. Schnell begeistern sich auch die Erwachsenen und hüpfen lachend durch den Lustgarten. Man freut sich eben, wenn etwas vom Himmel fällt – ganz egal was. Ein Wettstreit bricht aus, ein Sammelwahn, es gibt sogar Leute die mit ihren Schuhen nach in den Bäumen hängengebliebenen Karten werfen… Jeder will Poesie! Der Hubschrauber kommt wieder und wieder und am Ende ziehen alle glücklich weiter in die Lange Nacht – die Taschen voller Gedichte. 80 Autoren aus Deutschland und Chile haben nun neue Leser gewonnen und vielleicht sogar den ein oder anderen Poesiemuffel mit ihren Gedichten begeistert. Der Poetry-Rain ist eine absolut gelungene Aktion von der chilenischen Künstlergruppe Casagrande und der Literaturwerkstatt Berlin.
Selbst gefangen: Ein Gedicht von Damsi Figueroa, Roxana Miranda Rupailaf, Karin Fellner, Jaime Pinos und Johann Reißer.
Ibero-Amerikanisches Institut
Wo kann man sich vom Herumtollen besser erholen, als bei einem schönen argentinischen Tangokonzert? Die Gruppe »6 Australes« spielt um 21 Uhr und ich bin sofort begeistert. Obwohl heute aus Krankheitsgründen nicht die Stammbesetzung spielt, d.h. Klavier und Geige fehlen, ist die Stimmung gut und die Musik sehr abwechslungsreich: Tango, Milonga, Candombe, Walzer… Was leider nicht so gut klappt, ist die Versorgung der Besucher mit Kulinarischem. Die Tortillas sind auch nach dem Abstecher in den kleinen Grillofen noch tiefgefroren und die Mitarbeiter versinken im Chaos. Nach dem Konzert schaue ich mir kurz vor Mitternacht noch die Grafiken von Santos Chávez an: poetischer Realismus. Die Holzschnitte und Kupferstiche des süd-chilenischen Künstlers indigener Mapuche-Herkunft, sind berührend und ausdrucksstark. Wer sich selbst noch nie in diesen Techniken versucht hat, wird sich über die ebenfalls zahlreich ausgestellten Druckplatten und Werkzeuge freuen.
Auch eine Lange Nacht ist irgendwann zu Ende und müde mache ich mich auf den Heimweg, obwohl die Museen ja noch bis 2 Uhr geöffnet sind. Na ja, das ist was für Touristen – für die Berliner sind die Museen morgen früh ja auch noch da und übermorgen und überübermorgen…
{ fin }



