Claude Shannon: origineller »Daniel Düsentrieb«
und Forscher in der elektronischen Kriegsführung
Die Ausstellung zeigt einige brillante Erfindungen Claude Shannons, Begründer der Informationstheorie: Nützliches wie den Roulette Computer, der die Laufbahn der Kugel berechnet; Unnützes wie die »ultimative Maschine«, die sich nach dem Einschalten sofort wieder selbst ausschaltet und Kniffliges wie den »Rubik’s Cube Manipulator«, der den Zauberwürfel automatisch löst. Es wimmelt nur so von bunten Jonglierkeulen und Kinderspielzeug, aber diese unterhaltsamen Spielereien zeigen nur eine Seite des genialen amerikanischen Mathematikers…
Konzipiert wurde die Ausstellung vom Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn für eine Fläche von 500 Quadratmetern – hier im Museum für Kommunikation in Berlin ist die Fläche deutlich kleiner und das spürt man.
»Die Präsentation ordnet die Erfindungen in die Biografie Shannons und die Geschichte der Informationstechnik ein und beleuchtet ihre wissenschaftlichen Zusammenhänge und Wirkungen.« HNF
Die Präsentation gliedert sich in 14 Stationen. Über jeder Station hängt eine große Textfahne mit einleitendem Text und der Nummer der Station. Im Heinz Nixdorf MuseumsForum konnten die Stationen sicherlich räumlich chronologisch angeordnet werden, hier ist es dem Besucher nur schwer möglich die Stationen in ihrer ursprünglichen Reihenfolge zu besichtigen. Die beiden raumgreifendsten Stationen 11 und 13 mussten samt Schachcomputer und Einrad sogar auf den Flur vor dem Ausstellungsraum ausgelagert werden.
An dem Platzproblem lässt sich schwer etwas ändern. Was man aber hätte anders machen können, ist die Anordnung der einzelnen Stationen innerhalb des Raumes: die Stationen mit ungeraden Nummern sind auf der linken und die mit geraden auf der rechten Seite. Da die Vitrinen in der Raummitte aber durch eine unübersehbare neongrüne Wand verbunden sind, ist es nahezu unmöglich z.B. von Station Nummer 5 zu Station Nummer 6 zu gelangen ohne dabei eine Runde durch den ganzen Raum gehen zu müssen.
Auch die Grafik überlastet den kleinen Raum. Mit ihren recht farbenfrohen und abwechslungsreichen Hintergrundmustern hängen die Textfahnen hier dicht an dicht und wirken dadurch zu bunt und wild gemixt. In der riesigen Halle des HNF sind sie, wie hier im Video zur Ausstellung zu sehen ist, hingegen eine willkommene Abwechslung.

Jedes Jahr treten u.a. Robotermäuse beim RoboCup gegeneinander an. Es gibt auch eine Roboter-Fussballmanschaft, die 2050 gegen den amtierenden Fussball-Weltmeister spielen will.
Wer sich garantiert in der Ausstellung zurechtfände und sogar aus jedem beliebigen Labyrinth wieder putzmunter rauskrabbelt ist Shannons legendäre Labyrinthmaus »Theseus«. Im Gegensatz zu ihrem Namensgeber findet sie allerdings nicht mit Hilfe des Fadens der Ariadne wieder zum Ausgang – der kleine Roboter verfügt über einen Speicher aus 50 Telefonrelais und kann sich so die bereits gegangenen Wege merken und aus diesen Erfahrungen sprichwörtlich klug werden. Das ist für eine der ersten Maschinen mit künstlicher Intelligenz natürlich weit einfacher als für uns Menschen…
»Ich war immer auf der Seite der Maschinen.« Claude Shannon
In puncto Zauberwürfel, der auch Shannon faszinierte, geht die Maschine übrigens nicht als Gewinner hervor: Der aktuelle Weltrekord eines »Speed Cubers« liegt bei ca. 7 Sekunden – die ausgestellte Maschine des Tübinger Studenten Markus Mack löst den Zauberwürfel erst nach 8 bis 12 Minuten (ohne Computer).

Shannon stellte seinen Rubik's Cube Manipulator nicht fertig, da die Maschine anderer Sudenten schneller war.
Auch in diesem Video zieht die Maschine in der Ausstellung den Kürzeren. Zusehen sind auch die Jongliermaschine und die ultimative Maschine in Aktion. Die ultimative Maschine ist im Gegensatz zu den anderen meist zirkusbunten und blinkenden Exponaten in der Ausstellung ein eher unauffälliges Exemplar. Die schlichte kleine Holzkiste stand auf Shannons Schreibtisch im »Massachusetts Institute of Technology«, wo er von 1956 bis 1978 lehrte.
»Auf den langen Fluren seiner Arbeitsstätte sah man Shannon häufig Einrad fahrend mit Bällen jonglieren; in seiner Freizeit zog sich der renommierte Professor am liebsten mit Schaltern, Motoren und Kondensatoren in seine Garage zurück. Dort entstanden sinnvolle wie kuriose Dinge, von denen einige technisch revolutionär waren, während andere einzig seinem eigenen Vergnügen dienten.«
Die Ausstellung scheint eine Sammlung dieser Freizeiterfindungen Shannons zu sein, die Bedeutung seiner Forschung für die Entwicklung neuer Technologien wird meist anhand harmloser Beispiele wie Kinderspielzeug oder Telekommunikation verdeutlicht. Sicher hätten wir ohne den »Vater des Bits« heute weder Internet, DVD noch MP3-Player, aber Shannon hat nicht primär das ferngesteuerte Spielzeugauto erfunden, sondern als erster die Signale zur Fernsteuerung radargestützter Flugabwehrraketen fehlerfrei und sicher verschlüsselt. Das Spielzeugauto ist ebenso wie die meisten anderen Spielereien ein nettes Nebenprodukt. In der Ausstellung kann man jedoch leicht den Eindruck bekommen, Shannon war hauptberuflich ein humorvoller einfallsreicher »Daniel Düsentrieb«. Lediglich in zwei, drei Stationstexten wird in einem Nebensatz auf die eigentlichen Anwendungsmöglichkeiten hingewiesen.

Die Monitore an den Vitrinen sind leider nicht navigierbar. Die Screens wechseln von selbst. Wenn man anfängt zu lesen, weiß man nicht ob man am Anfang ist…
In der Station »Zufall oder Vorhersage« wird am Beispiel von Shannons »Mind Reading Machine« von 1953 demonstriert, dass der Mensch nicht zufällig handeln kann. Nach fünfzig Spielrunden kann die Maschine jeden Zug eines Ausstellungsbesuchers vorhersagen – Kopf oder Zahl! Es handelt sich aber nicht um das Ergebnis von Forschungen zur Trickbetrügerei:
»Im Zweiten Weltkrieg variierten Bomberpiloten zum eigenen Schutz bei Zielanflügen Flugkurs und- höhe nach Gefühl. Amerikanische Wissenschaftler, unter ihnen Claude Shannon, versuchten, dieses Verhalten für einen gezielten Abschuss statistisch vorauszuberechnen.«
In der Station »Strategie im Spiel« erfährt der Besucher eine witzige Anekdote zu dem Spiel Tic Tac Toe. Bei einfachen Strategiespielen, in denen der Zufall keine Rolle spielt, sind alle möglichen Spielzüge bereits bekannt. Setzen bei dem Spiel beide Spieler fehlerfrei, endet das Spiel mit einem Unentschieden.
»In dem Film »Wargames« von 1983 erlangte das Spiel »Tic Tac Toe« eine gewisse Berühmtheit, als der fiktive Strategiecomputer WOPR die bereits eingeleitete thermonukleare Kriegsführung stoppt, weil er am Beispiel des Strategiespiels rechtzeitig lernt, dass für keine Seite eine Gewinnaussicht besteht.«
Nur eine von 14 Stationen widmet sich am hinteren Ende der Ausstellung explizit den wahren Anwendungen von Shannons Forschung in der »geheimen Kommunikation«. Gezeigt wird das »Präsidententelefon« das Shannon 1937 u.a. für die Bell Labs entwickelte. Als Kryptograph erarbeitete Shannon die Sigsaly Verschlüsselungstechnik und erhob mit seiner »Communication Theory of Secrecy Systems« 1949 die Kryptographie in den Rang einer eigenständigen Wissenschaft.
»Am 25. April 1945 verhandelten der US-Präsident Harry Truman im Pentagon und der britische Premierminister Winston Churchill in der Londoner Innenstadt die Bedingungen der deutschen Kapitulation – verbunden über eine mit Sigsaly verschlüsselte Telefonleitung.«
Heute verschlüsselt die hier ebenfalls ausgestellte »secusmart Card« die Telefonate von Angela Merkels Nokia-Handy. Aber nicht nur die Verschlüsselung von Sprache, sondern alle uns heute bekannten Kodierungsverfahren wie MP3, MPG, JPG etc. gehen theoretisch auf Shannon zurück. Deswegen kann man selbst direkt neben Merkel an der Medienstation ausprobieren, wie sich die Datenkompression auf die Qualität von Bildern, Videos oder Musik auswirkt.
Leider nicht von Shannon ist mein Lieblingsexponat in dieser Ausstellung: die »Maschine, die auf Gott wartet«. Sie ist Teil einer Trilogie von Hannes Waldschütz – drei kleine selbstironische wartende Maschinen. In Betrieb genommen wurden die Maschinen 2007, die »Maschine, die auf einen Zeitpunkt wartet« hat ihr Ziel schon erreicht, die »Maschine, die darauf wartet nicht mehr zu warten« wartet ebenso noch, wie meine Lieblingsmaschine auf Gott.
Und ich warte auch auf etwas, auf Antworten. Am Ende meines Ausstellungsbesuches habe ich immer noch das Gefühl, das hier nicht alles gesagt wurde… Die wenigen Andeutungen zu Shannons Forschungen im Bereich der elektronischen Kriegsführung werfen Fragen auf. So etwas macht man doch nicht als Professor an einer Universität? In welchem Verhältnis stehen die ausgestellten Spielereien zu den vielleicht nicht ausgestellten oder nicht ausstellbaren Dingen? War Shannon beim Geheimdienst?
Das Buch zur Ausstellung gibt klare Antworten. In einem Interview bestätigt Autor Axel Roch meine Vermutung:
»Claude Shannon hat alle wichtigen militärischen Institutionen und Nachrichtendienste der Amerikaner bedient. 1943 die Signal Security Agency, ab 1945 das Pentagon direkt, 1951 die CIA, 1957 die NSA etc. Diejenigen, die Informationstheorie wirklich konkret anwenden, wissen, dass das Medium Shannons oder der Informationstheorien nicht Telegrafie oder Telefonie war oder ist, sondern ein impulskodiertes Radarsystem.«
Na das lässt doch das folgende Zitat, welches sich am Eingang der Ausstellung in einer Zitatsammlung Shannons findet, allerdings ohne Angabe des Zusammenhangs, in völlig neuem Licht erscheinen:
»Ich habe meine Interessen stets ohne den Blick auf finanzielle Werte oder einen Nutzen für die Nachwelt verfolgt. Und ich habe viel Zeit mit vollkommen nutzlosen Dingen verbracht.«
Da lohnt es sich doch noch ein bisschen weiter zu recherchieren…
Wer mehr über »Shannons Spielzeuge als Metaphern für die Grundlagen seiner Theorie der Information« erfahren möchte, kann aber auch am 15. Juni dem Vortrag von Axel Roch im MfK lauschen.
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