Gründung des Verbandes deutscher Ausstellungsschaffender

30.01.2012 § Claudia Wagner

Tatendrang, Sachlichkeit und viele Fragen

Am 18. Januar 2012 wurde vor Beginn des Szenografie Kolloquiums in der DASA Dortmund ein Berufsverband für alle Ausstellungsschaffenden gegründet. Die Idee dazu hatten Johannes Missall und Matthias Kutsch. Die Idee ist gut und im Gegensatz zum Ende des Tocotronic Songs »doch die Welt noch nicht bereit«, waren 28 Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um die Gründung in die Tat umzusetzen. Eine gesunde Mischung aus Institutionen, bekannten Agenturen, kleineren Büros und Einzelkämpfern, die sich über ganz Deutschland verteilen. Von Kuratoren über Architekten, Designer und Projektmanager waren die wichtigsten Gewerke der Ausstellungsschaffenden vertreten.

Die Stimmung war von Anfang an geprägt vom Tatendrang aller Anwesenden. Jeder beteiligte sich offen und ehrlich an den Diskussionen, niemand war nur zum »erstmal schauen« gekommen. Konkurrenten, Auftragnehmer und Auftraggeber einte für diese drei Stunden ihr gemeinsames Bedürfnis einen Interessenverband für ihre spezifischen Anliegen zu gründen, die sich von Museumsbund, AGD etc. unterscheiden.

Ganz oben auf der Liste steht zum Beispiel die momentane Wettbewerbskultur, die wohl niemanden zufriedenstellt. Ob die neu konzeptionierten Richtlinien zur Durchführung von Wettbewerben später von allen eingehalten werden oder ähnlich wie die Vergütungsvorstellungen der Designer im Winde verwehen, spielt für mich erstmal eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist doch, seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen und Verbündete zu einen um eine Orientierung für Auslober und Wettbewerbsteilnehmer zu schaffen.

Neben eher klassischen Verbandszwecken wie der »Förderung von Austausch und Vernetzung«, »Organisation von Veranstaltungen und Weiterbildungen«, »Beratung bei der Wahl des Studiengangs«, der »Kooperation mit Hochschulen und öffentlichen Medien« oder der »Empfehlung von Fachliteratur«, gibt es noch ein paar besondere Punkte in der Gründungssatzung, zu denen Johannes Missall, einer der beiden Initiatoren, als frischgebackener Präsident aber selbst zu Wort kommen soll:

AE Was erhoffen Sie sich von der Repräsentation der Verbandsmitglieder in Politik und Gesellschaft?

»Zuerst einmal sind Matthias Kutsch und ich froh und erleichtert, dass wir nach langer Vorlaufzeit endlich den gemeinsamen Verband der Ausstellungsmacher und Szenografen mit so vielen Agenturen gemeinsam gründen konnten. Aber zu ihrer Frage: Wir erhoffen uns, dass man uns sieht und hört. Dass der Beruf des Ausstellungsmachers zuerst einmal in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Kino, Theater, Literatur und Kunst erhalten differenzierte Rezensionen in den Medien. Beim Thema einer der beiden Initiatoren ›Ausstellung‹, es sein denn es handelt sich um Kunstausstellungen, ist eine qualifizierte Besprechung sehr selten. Mit der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ergeben sich unsere weiteren Ziele.«

AE Wie kann der Beruf des Ausstellungsgestalters als notwendiger Vermittler zwischen Wissenschaft und Besucher etabliert werden? Ich denke da zum Beispiel an eine Zusammenarbeit zwischen Museen und Ausstellungsgestaltern auf Augenhöhe und an eine frühe Einbeziehung der Gestalter in die Konzeption.

»Vielen Dank, So ist es. Sie haben die Frage zum Teil schon beantwortet. Wir Ausstellungsgestalter verstehen einerseits die Bedürfnisse des Publikums, andererseits wissen wir um die differenzierte Darstellung komplexer Inhalte. Und um die Sorge vieler Kuratoren vor einer Trivialisierung der Inhalte. Wir interessieren uns für Inhalte und sehen Gestaltung und Inhalt als Einheit. Im idealen Team entwickeln Kuratoren und Ausstellungsmacher das ideale Besuchserlebnis gemeinsam.«

AE Der Verband soll öffentliche Einrichtungen und Unternehmen bei der Auswahl von Ausstellungsgestaltern, Gutachtern und Mediatoren beraten. Woran haben Sie diesen Bedarf erkannt?

»Unsere Auftraggeber machen ›ihre‹ Ausstellung oft zum ersten und einzigen Mal in ihrer Laufbahn. Da schwingen oft Unsicherheiten und Sorgen mit alles richtig zu machen. Hier stehen wir als Verband beratend zur Seite. Unsere Mitglieder sind alle Profis und haben hunderte erfolgreicher Ausstellungen begleitet. Aus diesem Erfahrungspool schöpfen wir und bieten ihn den Museen, Kommunen, Wissenschaftsorganisationen und Unternehmen an.«

AE Die Konzeption von gültigen Richtlinien für die Durchführung von Wettbewerben ist der wohl wichtigste Zweck des Verbands, für den gleich zwei Arbeitskreise gegründet wurden – einer für korrekte Wettbewerbsbedingungen und für optimierte Ausschreibungs- und Vergaberichtlinien. Wie wollen Sie die Auslober für sich gewinnen?

»Das ist richtig. Die Praxis der Wettbewerbe hat bei uns allen in den letzten Jahren zu viel Frust geführt. Wir haben Situationen erlebt, bei denen zig große Agenturen eingeladen wurden, um gegeneinander anzutreten, für Projekte mit ungesicherter Finanzierung oder extrem niedrigen Produktionsbudgets. Oder die zunehmende Praxis undotierter Wettbewerbe. Einige der Kollegen wollen an unbezahlten Wettbewerben überhaupt nicht mehr teilnehmen. Der Argwohn gegenüber Wettbewerben wächst. Hier muss sich etwas ändern. Diesen oft mehrstufigen Wettbewerbsmarathon überstehen nur die großen Agenturen mit dem notwendigen Finanzpolster. Kleine und mittlere Agenturen streichen vorher schon die Segel. Das verzerrt den Wettbewerb und nimmt auch dem Auftraggeber die Chance, das kreativste und innovativste Konzept zu hören. Es können also beide Seiten gewinnen, wenn wir miteinander darüber sprechen, wie ein optimaler Wettbewerb aussehen sollte.«

AE Von einer Grundstruktur für Verträge bei Themen wie Urheberrecht, Gewährleistung, Definition des Leistungsumfangs oder Vergütungsrichtwerten haben sicher alle was – wie eng wollen Sie hierfür mit der Auftraggeberseite zusammenarbeiten?

»Sehr eng. Geht auch nicht anders. Wir können die Verträge der Auftraggeberseite ja nicht diktieren. Aber wir können dafür sorgen, dass Verträge vergleichbarer werden und der Leistungsumfang klarer definiert wird. Oft gehen Kreativleistungen, Planungsleistungen und Produktionsleistungen munter durcheinander.«

AE Das führt uns zu der Frage, für wen dieser Verband eigentlich sein soll. Darüber wurde zu Beginn der Gründungsveranstaltung sehr lange diskutiert und wenn wir nicht noch einen Vorstand hätten wählen müssen und ein paar Arbeitskreise gründen und am Szenografie Kolloquium teilnehmen, würden wir wohl heute noch diskutieren ;) Nun sind wir ein Interessenverband aller Ausstellungsschaffender, der keine Gewerkschaft sein soll und deshalb Wert auf die selbstständige Tätigkeit der Mitglieder legt. Warum ist dieser Punkt so entscheidend?

»Ich würde sagen, dass liegt an der Historie der Verbandsgründung. Es waren die Stimmen vieler einzelner Ausstellungsmacher/macherinnen, die seit Jahren vor sich hin kämpfen. Freiberufler und Selbständige, kleine Agenturen und große Firmen. Unterschiedliche Ausbildungen als Designer, Grafiker, Biologen, Architekten, Fotografen, Bühnenbildner, Szenografen etc. Uns eint die wohlwollende Konkurrenz und gleichzeitig der Wunsch nach einer gemeinsamen Plattform.«

AE Eine rege Diskussion gab es auch über den Namen des Verbandes. Sind Sie mit der Kreation »Ausstellungsschaffender« zufrieden?

»Inhaltlich finde ich den Begriff sehr schön. Die Worte ›schaffen‹ und ›Schöpfung‹ stecken darin. Andererseits ist er ein wenig sperrig, oder? Da feilen wir gerade noch dran.:-)«

AE Die drei Stunden der Gründung waren sehr kompakt. Viele Entscheidungen mussten getroffen und das vorgeschriebene Prozedere eingehalten werden. Ich finde dem sind alle Anwesenden mit viel Tatendrang und konzentrierter Sachlichkeit beigekommen. Nun gibt es viele Fragen und viel zu tun – erlauben Sie sich trotzdem ein bisschen Gründer-Euphorie?

»Jaaaa! Matthias Kutsch und ich sind glücklich und dankbar, dass wir es geschafft haben, gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen diesen Verband aus der Taufe zu heben. Übrigens auch mit der wertvollen Unterstützung durch die DASA Dortmund und namentlich Herrn Professor Kilger.«

Neben den beiden Initiatoren engagieren sich auch Viktoria Wille und Jens Nitschke im Vorstand und fast alle der Gründungsmitglieder sind in einem der Arbeitskreise. Wer sich ebenfalls mit Tatendrang und Sachlichkeit den vielen offenen Fragen widmen oder den Verband in anderer Form unterstützen möchte, kann sich gern per Email an den Präsidenten Johannes Missall wenden: missall(ät)missallgiespartner.de

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§ 1 Kommentar

  • Ben sagt:

    Bin sehr gespannt auf die Aktivitäten des neuen Vereins. Auch für Auftraggeber ist ein Gestalter-Wettbewerb mittlerweile so schwierig, dass man schon Fachberater braucht, um ihn richtig hinzubekommen. Dabei geht es um hehre Ziele wie Chancengleichheit, Transparenz, Korruptionsschutz …

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