Wie man mit dem Thema Freiheit
in Ausstellungen umgehen kann
Müssen Freiräume in Ausstellungen oft mühsam gesucht werden? Sind es Gegensätze? Oder sind sogenannte Handlungsspielräumen bei vielen Ausstellungen bereits intendiert und vorhanden? In diesem Beitrag wird der Versuch gestartet, Freiheitsgrade in Ausstellungen zu analysieren. Denn diese gibt es in ihren unterschiedlichen Ausführungen bereits in vielen Museen – man muss sich nur auf sie einlassen!
»Je konkreter die Inhalte sind,
desto eher wird eine Ausstellung scheitern.«
Eine bekannte Ausstellungsgestalterin spricht es beim Szenografie-Kolloquium 2011 der DASA deutlich aus: Freiheitsgrade oder Handlungsspielräume in Ausstellungen haben ganz sicher ihre Existenzberechtigung. Sie sind wichtig, wenn eine Ausstellung das vermitteln soll, was im Konzept intendiert ist.
Der Wert von Freiheitsgraden
Ich verwende das Wort Handlungsspielraum für die zur Vergnügung gestellten sowie genutzten Freiheitsgrade in Ausstellungen. Das Wort Spielraum umfasst jenen Raum, in dem ein Thema entstehen kann und umgesetzt wird: der reale Raum und der kreative Raum der dafür notwendig ist. Auch jener Freiheitsgrad des Besuchers, der die eigentliche Ausstellung für sich und ihre Deutungen erst im Kopf entwickelt, ist hier gemeint. Die Phantasie der Akteure darf also nicht unterschätzt werden.
Eine Ausstellung ist immer eine subjektive Aufarbeitung und Herangehensweise an ein Thema. Genau das macht die Analyse von Ausstellungen so spannend, weil gerade durch diese vorhandenen und sichtbaren Spielräume, Ausstellungen ein Gesicht bekommen. Gestalter, Kuratoren und Projektverantwortliche erarbeiten mit ihren Ideen mögliche Freiräume für die Nutzer und Besucher von Ausstellungen. Freiheitsgrade spielen also eine bedeutende Rolle bei der Konzeption von Ausstellungen. Gerade bei thematischen Ausstellungen mit gesellschaftlichem Bezug sind Freiräume eine Möglichkeit, Kommunikation und Diskussion zwischen den Besuchern anzuregen.
Handlungsspielräume können vielfältig sein. Sie betreffen die Regisseure von Ausstellungen – also jene Akteure, die Ausstellungen entwickeln; sog. Ausstellungsmacher – in der Auswahl des Themas, der gewählten Zugänge, der Auswahl von Objekten, Bildern und Dingen. Ebenso wählen die Besucher durch ihre subjektive Handlung und das Bewegen im Raum ihre persönlichen Freiheitsgrade im Erfahren der Themen. Diese beiden Handlungsspielräume machen Ausstellungen zu dem, was sie sind – sie vollenden die Idee des Initiators.
Themen und Freiheit
Fangen wir bei den Initiatoren einer Ausstellung an. Museen und ihre Verantwortlichen (das Inhaltsteam, der/die Kuratoren, der Gestalter) platzieren ihre Ausstellungsthemen: In unterschiedlichen Ausstellungsprojekten wird unterschiedlich mit Freiheitsgraden umgegangen.
Eine relativ neue und unkonventionelle Art, Themen in Ausstellungen zu modellieren, findet sich am Rande der Schweizer Hauptstadt. Das Stapferhaus in Lenzburg ist ein Ort, der seine Handlungsspielräume auslotet. Themen, die zur geistigen Auseinandersetzung anregen, werden zu Ausstellungen gemacht und unkonventionell vermittelt und diskutiert. Themen wie »Glauben«, die »Geschwindigkeit des Lebens«, »Strafen« oder das »digitale Leben« betreffen prinzipiell alle Menschen. Die Ausstellungen werden erst durch die Besucher zu dem was sie sind, der Besucher hinterlässt seine Handschrift, partizipiert und bringt dadurch seine Erlebnisse und Erfahrungen mit ein. Der Kurator wird zum Moderator und Katalysator. Der Besucher hat schon beim Eingang in die Ausstellung Entscheidungsfreiheit und muss sich positionieren. Ist er Gläubiger oder Nicht-Gläubiger? Wählt er den schnellen oder langsamen Weg in die Ausstellung? Die Ausstellungen sollen Menschen bewegen, sich mit den Themen, die jeder aus eigener Erfahrung kennt auseinanderzusetzen. Die Auseinandersetzung in der Ausstellung und nicht das Resultat steht im Stapferhaus im Vordergrund. Dabei schafft es das Stapferhaus, ihre jungen und älteren Besucher so abzuholen, dass sie sich auf die Themen einlassen. Diese ungewöhnliche Art Ausstellungsthemen zu vermitteln, hat das Kulturzentrum weit über die Schweizer Grenzen bekannt gemacht.
Unterschiedliche Zugänge
Die Frage »Für wen machen wir diese Ausstellung« sollte am Anfang jedes Ausstellungsprojekts stehen. Oft wird in der Definition der potentiellen Nutzergruppe ein größtmöglicher Freiraum gelassen, um möglichst viele Besucher anzusprechen. Die Zielgruppen genau zu kennen, ist jedoch unumgänglich, auch deswegen, weil spezifische Freiheitsgrade besser ausgekostet werden können. Auch bei breit angelegten Themen, ist die Überlegung zur Spezifizierung der Nutzer sinnvoll. Das Ausstellungs-Projekt »IN ARBEIT« (Eröffnung Herbst 2011) im Technischen Museum Wien zielt auf zwei Zielgruppen und nimmt sich den Raum, dieses Thema in zwei unabhängigen Teilen zu zeigen. Die Ausstellung vermittelt mithilfe des umfangreichen Sammlungsbestands die Dynamik und Entwicklung von Arbeitsplätzen seit der Industrialisierung. Zwei Herangehensweisen wurden gewählt und die Ausstellung in zwei Bereiche geteilt. Der erste, kulturhistorische Teil von IN ARBEIT spricht eindeutig technisch und historisch interessiertes Publikum an, hier werden technische und kulturelle Entwicklungen mit gesellschaftlichen und sozialen Fragestellungen verbunden. Es gibt keinen linearen Aufbau. Themeninseln setzen sich mit unterschiedlichen Aspekten des Arbeitsplatzes auseinander. Bei der Konzeption der Ausstellung sind mehrere Kuratoren beteiligt und so können die konzeptionellen Freiheitsgrade recht deutlich zur Geltung kommen. Das Inhaltsteam der Ausstellung von IN ARBEIT setzt stark auf interdisziplinäre Zugänge und so ist es bewusst gewählt, dass jede/r KuratorIn seinen/ihren Teilbereich sehr unterschiedlich umsetzt. Die Gestaltung wird jedoch zum verbindenden Element der einzelnen, individuell ausgearbeiteten Kapitel. Der zweite Teil der Ausstellung IN ARBEIT soll die jungen Menschen, die meist passiv mit dem Arbeitsleben konfrontiert sind (Erwerbsleben der Eltern, Frage nach der Berufswahl) aus ihrer Lebenswelt heraus mit dem Thema Arbeit und den Fragestellungen zum Arbeitsleben über spielerische Elemente in Berührung bringen. Dieser Teil der Ausstellung ist interaktiv gestaltet und beinhaltet einerseits sehr spielerische Umsetzungen aber auch historische Objekte, die mit unserem heutigen Arbeitsleben in Verbindung gebracht werden. Dieser spielerische Teil soll nicht nur die 6-12 jährigen begeistern, sondern auch erwachsene Besucher ansprechen. Bei diesem Projekt ist sehr klar ersichtlich, dass unterschiedliche Herangehensweisen unterschiedliche Handschriften erkennen lassen. Die Frage »Wer spricht«, »wer erzählt diese Geschichte« kann zu einer spannenden Analyse werden. Interdisziplinarität von inhaltlichen Herangehensweisen und die Zusammenstellung von Kuratorenteams kann nicht nur den thematischen Raum erweitern, sondern auch die Spannung und Überraschungen in Ausstellungen erhöhen. Das Thema Arbeit und Arbeitsplatz, das auf den ersten Blick vielleicht wenig mit Freiheit zu tun hat, wird so im Technischen Museum zwar mit klaren Zielen und hoffentlich dennoch mit genügend Freiräumen für die Besucher umgesetzt.
Freiheit des Besuchers
Die Freiheit oder Handlungsspielräume werden erst durch den Besucher erfahrbar, der die Ausstellung durch seinen Besuch vervollständigt. Auch der Besucher nimmt sich jene Freiheitsgrade, die er braucht, denn erst durch das Gehen im Raum wird die Ausstellung zu dem Medium, welches sie ist. Man ergeht und erarbeitet sich in der Bewegung die Inhalte. Dabei ist es jedem selbst überlassen, welche Inhalte man konsumiert oder bei welchen Themen man, wie lange verweilt.
Die Freiheitsgrade in Ausstellungen können auch von den Räumlichkeiten des Museums abhängen, denn eine linear aufgebaute Ausstellung, die den Besucher von Raum zu Raum leitet, kann dazu genutzt werden, eine Geschichte zu erzählen (z.b. Ausstellung »Berge eine Leidenschaft« in der Hofburg Innsbruck) und so eine klare Dramaturgie hervorrufen. Heißt das nun, dass die Freiheitsgrade des Gehenden bei klarem Leitsystem eingeschränkt werden? Der Weg auf den Gipfel ist von den Kuratoren bewusst gewählt. Die Wanderung auf den Berg ist das Leitsystem, das es dem Besucher vereinfacht, die Berge und ihre Leidenschaft zu erklimmen. Man weiß, wo man sich befindet, wie weit es noch ist, welcher Zustand den Wandernden gerade in Besitz nimmt. Ein Leitsystem ist wichtig und schränkt Freiheitsgrade der Besucher nicht unbedingt ein. Die Freiheit kommt bei dieser Ausstellung auf andere Art und Weise zum Ausdruck. Im Thema nämlich: Die Ausstellung spielt mit den Emotionen des Erklimmens und Bergsteigen, das in seinen Grundzügen, Freiheit pur beinhaltet und eine hoch emotionale Ebene freigibt. In dieser Ausstellung gibt auch der Wechsel von Blickrichtungen Freiheitsgrade und -räume. Das Freiheitsthema kann eine übergeordnete Ausrichtung eines Themas werden.
Die Freiheit des Besuchers ist auch bei der Möglichkeit von Besucher-Partizipation sichtbar. In der Ausstellung »Das Gerücht« (Kommunikationsmuseum Bern und Berlin) wird der Besucher selbst zum Initiator von Gerüchten. Wie startet ein Gerücht, was braucht es für ein Gerücht und eine gute Story? Der Besucher erfährt dies am eigenen Leib. Der Ausstellungsbesuch wird selbst zur Aktion. Ein/e SchauspielerIn, die für das Implementieren von Gerüchten in der Ausstellung per Videokamera anwesend ist, beginnt erst ein unverfängliches Gespräch mit den Besuchern und versucht dann die Gerüchte zu streuen. Auch hier werden Besucher mit ihrem Handeln zu einem Teil der Ausstellung und können steuern, welchen Eindruck sie wo in der Ausstellung hinterlassen werden.
Ein Ausstellungsraum, eine Ausstellungsidee ist immer voll von Gegebenheiten, Sachzwängen, aber auch Freiheiten. Diese können unterschiedlich eingesetzt werden, können von den Initiatoren ausgekostet werden oder vom Besucher gelebt werden. Wichtig ist, dass all jene Möglichkeiten der kreativen Freiheit bei Ausstellungen mitgedacht und umgesetzt werden können.
Denn schon Walter Benjamin bringt es auf den Punkt:
»Nicht gelehrter sollen die Besucher die Ausstellung verlassen,
sondern gewitzter. Die Aufgabe der echten, wirksamen Darstellung
ist geradezu, das Wissen aus den Schranken des Fachs zu lösen
und praktisch zu machen.« Benjamin, Walter; Bekränzter Eingang, S. 559, in: Gesammelte Schriften, in: ders. Ges. Schriften Bd. 11, Frankfurt a.M. 1980. S. 557–561.
Vielleicht ist das ein Ziel von Ausstellungsmachern, das durch das Zulassen von Freiheitsgraden möglich wird.
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Wenn ich das mit dem “Gerücht” richtig verstanden habe, dann handelt es sich hier nicht um eine partizipative Freiheit des Besuchers, sondern ihm wird die Involvierung in eine Performanz aufgedrückt – die Erfahrung wird hier monodirektional initiiert.
Spannend finde ich die Verknüpfung von “Freiheitsgraden” und “Zielsetzungen”. Interessanterweise ist das eine nicht ohne das andere zu haben. Die Definition von (realistischen) inhaltlichen Vermittlungszielen und (erreichbaren) Zielgruppen bedeutet, sich auf umsetzbare Ziele zu konzentrieren. Damit wird entscheidbar, wo und wie sich Spielräume, Offenheiten, Unschärfen und Freiheitsgrade sowohl für Ausstellungsmacher als auch für Besucher ergeben.
Je unschärfer die Ziele definiert sind – und je umfassender damit die impliziten Ansprüche der Ausstellung werden – desto weniger “Freiheit” kann es geben, weil potenziell alles erreicht bzw. vermittelt werden muss.