Die jüdische Farbe des Comics?
Ein sehr interessantes Thema in eine starre Hülle gepresst ohne Mut zum Freak-Sein, ohne Superlativen und ohne Antworten. Was Wording und Gestaltung der PR versprechen, kann die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin leider nicht halten. Mit dem einseitigen Fokus auf die amerikanische Comic-Geschichte bleibt dem Besucher nicht nur viel Jüdisches verborgen…
Ohne eine räumliche, visuelle oder mentale Hinführung auf das Thema, steht der Besucher beim Betreten der Ausstellung direkt vor den ersten Exponaten, Auge in Auge mit dem Einleitungstext. Zwei Meter entfernt läuft ein Comic-Video mit Klaviermusik. Es ist eng. Um den neu ankommenden Besuchern nicht im Weg zu stehen, entscheiden sich einige diese erste Themennische links liegen zu lassen und dem hölzernen Leporello-Tischband in die weiteren Winkel des Raumes zu folgen. Wer sich ein Plätzchen vor dem Einleitungstext erkämpft hat, wird in die Geschichte des Comics eingeführt:
»Die frühen Zeitungscomics sind eine Immigrantengeschichte aus New York. Iren, Deutsche, Italiener und Juden aus Osteuropa kamen Ende des 19. Jahrhunderts nach New York. Seit 1912 wurden Comics täglich in Zeitungen gedruckt. Die beiden Zeitungsverleger Joseph Pulitz und William R. Hearst traten in Konkurrenzkampf und schufen so einen lukrativen Arbeitsmarkt. Viele Immigranten zeichneten zum Gelderwerb.«
Traurig, aber wahr? Ich weiß nicht, ob es sich bei der Aussage »Viele Immigranten zeichneten zum Gelderwerb.« um die nackte Wahrheit oder eine These der Kuratoren handelt, auf jeden Fall hat mich dieser Satz als echten Comic-Fan gleich am Anfang der Ausstellung sehr enttäuscht. Ich dachte Comiczeichner sind Künstler, die Geschichten erzählen wollen… Im Falle jüdischer Zeichner und Autoren vielleicht sogar Geschichte?
Die Ausstellung trägt den Untertitel »Die jüdische Farbe des Comics« und ich mache mich auf die Suche nach jüdischen Themen in Comics und hoffe auch Interessantes jenseits von Holocaust-Verarbeitungen und vor Allem Aktuelles zu finden. Der erste Raum beginnt mit den Anfängen des Comics: »Krazy Kat« von George Herriman, »Yellow Kid« von Richard Felton Outcault, »Abie the Agent« von Harry Hershfield und die »Katzenjammer Kitz« von Rudolph Dirks werden vorgestellt. Neben den Exponaten klebt jeweils ein Text zum Zeichner oder Autor. Nur jüdische Inhalte haben die Comic-Strips nicht. In einem Raumtext erfahre ich, das es anfangs zwar sprachliche Anleihen aus dem Jiddischen und verdeckte Anspielungen auf jüdische Motive gab, das aber erst Ende der 1970er Jahre jüdische Themen in Comics explizit aufgegriffen wurden. Wird dieser Raum dadurch nicht überflüssig?
Fündig werde ich erst im zweiten Raum, der sich den Helden widmet. In interessanten Posen sind sie als Vektorgrafiken auf die Stellwände geklebt und vermittelt zusammen mit der Sprechblasen-Anmutung der rot-weißen Farbflächen das gewisse Comic-Flair. Im Raumtext erfährt man, dass die uns bekannten Helden nicht nur hilflose Mädchen retteten, sondern es früher eine regelrechte Comicoffensive gegen die Nazis gab.
»Die Schöpfer von Superman, Batman, Captain America und The Spirit waren Söhne jüdischer Einwanderer aus Osteuropa. Ihre makellosen Protagonisten stellten sie als vorbildliche patriotische Amerikaner dar. Noch vor Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 kämpften die Superhelden erfolgreich gegen Nazis und Japaner. Ihre Popularität währte nur bis Kriegsende.«
Ausgestellt sind einige beeindruckende Originale von ganzen Comicseiten oder heroische Cover und Plakate wie das von Bob Wood und Charles Biro: »Daredevil bekämpft Hitler« vom 1.7.1941. Jerome Siegel zeigte am 27.2.1940 im LOOK Magazine »Wie Supermann den Krieg beenden würde« und selbst Walt Disney ließ 1942 seine bekanntesten Figuren zu einer Siegesparade aufmarschieren, angeführt von Mickey und Donald, die gegen Wölfe mit Hakenkreuzbinden kämpfen. Sehr ergreifend ist auch das kleine Album von Horst Rosenthal, das er 1942 während seiner Internierung im französischen Lager Gurs geschaffen hat. Er lässt Mickey in kindlich-naiver Sprache das Leben im Lager beschreiben.
Unsere Helden sind aber nicht nur Kämpfer oder Berichterstatter, sondern auch Juden. Bereits existierende Helden wie z.B. der Mutant Magneto, Erzfeind der X-Men, erhalten zu Beginn der 1980er Jahre eine jüdische Biografie. Er wird als deutscher Jude und Überlebender des KZ Auschwitz dargestellt. Mit »Der Golem ist unter uns« thematisieren Roy Thomas und Herb Trimpl 1970 erstmals die jüdische Golem-Legende. In dem Comic beschützt Hulk eine jüdische Familie, die ihn für den Golem hält. Leider ist dieser zweite Raum auch schon der interessanteste von allen und das obwohl er nicht viel Neues enthüllt.
Im nächsten Raum geht es um die Underground-Comix – eine »Epoche« in der allgemeinen Comic-Geschichte. Zu psychedelischer Hippiemusik und Videos von wabernden Wasserblasen an der Decke werden Comix über Drogenträume und sexuelle Obsessionen vorgestellt. Der Bezug zu jüdischen Themen bleibt mir allerdings verborgen.
Der Weg führt weiter in eine Art heilige Halle für Art Spiegelmann. Sicher hat er mit »Prisoner on the Hell Planet« als einer der Ersten Comic-Kurzgeschichten mit ernsthaften Themen und mit »Maus« und »The Shadow of No Towers« auch die ersten Graphic Novels geschaffen, aber da diese relativ aktuellen Arbeiten sehr bekannt sind, langweilt die Überpräsenz schnell.
Erst am Ende des fünften Raums werden in einer kleinen Nische andere Comiczeichner vorgestellt, deren Geschichten autobiografisch sind: Miriam Katin, die für Disney und MTV arbeitet, beschreibt z.B. ihre Erinnerungen an den Eichmann-Prozess 1961. Ihr Comic-Roman »We are on our own« thematisiert ihr Überleben während des Holocaust, wo sie sich mit ihrer Mutter in Ungarn versteckte. Martin Lemelman portraitiert in seinem Buch »Mendels Tochter« eine jüdische Familie im Polen der 1930er Jahre. Sein Buch »Two Cents Plain: A Brooklyn Boyhood« über seine Kindheit im Immigranten-Milieu von Brooklyn ist gerade neu erschienen.
Im letzten Raum gibt es eine kleine Kinoecke mit drei Bänken vor einer Leinwand. Hier kann man Interviews mit Will Eisner, Ben Katchor, Joann Sfar und Art Spiegelman sehen. Die allerletzte Texttafel widmet sich dann endlich einem der Themen wegen der ich diese Ausstellung besucht habe: Der Comic-Roman in Israel. Im Grunde beschränkt sich die Ausstellung bis auf wenige Ausnahmen auf amerikanische Comics. Sicher beginnt dort die Geschichte des Comics, aber in Europa gibt es eine ebenso kreative und vor Allem vielseitige und aktuelle Comic-Szene jenseits von Superhelden. Warum finden europäische Comics kaum Erwähnung? Und warum hängt die Texttafel mit dem einzigen Bezug zur aktuellen jüdischen Comic-Geschichte in Israel erst am Ende? Hier wird lediglich erwähnt, dass der Comic in Israel bis 1995 nur eine untergeordnete Rolle spielte. Dann gründeten fünf Hochschulabsolventen das Comic-Kollektiv »Actus Tragicus«. Orientiert an der amerikanischen und europäischen Independent Szene veröffentlicht die Gruppe seitdem englischsprachige Comics im Selbstverlag, aber gezeigt werden sie in der Ausstellung nicht.
Ausstellungsarchitektur
Auf der Website zur Ausstellung soll ein Video unter dem Titel »Vom Comicstrip zur Skulptur« den Zusammenhang zwischen Comics und Architektur verdeutlichen. Da ich vor dem Besuch der Ausstellung auf der Website die Öffnungszeiten recherchiert habe, habe ich dieses Video natürlich auch vor der Ausstellung gesehen und mich gefragt welchen Mehrwert es hat. Zumal man bei einer Zickzack-Stellwand wie sie früher in jeder Foyer-Ausstellung stand ja wohl kaum von einer Skulptur sprechen kann. Die Umsetzung in der Ausstellung ist aber weniger plump und gegen einfache Ideen habe ich generell auch nichts einzuwenden. Auf Website und Flyer funktioniert die Form auch. In den ersten beiden Räumen gefiel mir das hölzerne Band mit den raffinierten Faltenwürfen sogar sehr gut, insbesondere auch die Verbindungen zwischen den Räumen. Die großen weißen Flächen erinnern passender Weise an Sprechblasen und die vereinzelten großen Vektorgrafiken von Comicfiguren und die wechselnden Farben lockern das Band etwas auf. Da die Ausstellung jedoch aus sechs Räumen besteht wirkt das Band schnell monoton – es gibt einfach keine Abwechslung! Jeder Raum sieht gleich aus, an jeder Wand kleben gleichgroße Texte und Comics, ab und zu eine hinterleuchtete Vitrine oder ein Kopfhörer.
Konzept
Räumlich wie inhaltlich zwängt sich hier eine Chronologie auf, die durch ihre Einseitigkeit kaum Platz für Andersdenkende und durch die gleichgeschaltete Gestaltung einen Comic wie den anderen erscheinen lässt. Statt Art Spiegelman mit all seinen Einzelwerken in gleichen Abbildungsgrößen vorzustellen, hätte eine riesige Abbildung des Maus-Covers oder eine spannende Inszenierung der Figur im dreidimensionalen Raum vielleicht mehr Spannung erzeugt und seine Bedeutung ebenso zum Ausdruck gebracht. Zu den einzelnen Künstlern und Exponaten hat sowieso jeder Besucher eine eigenständige Meinung, egal wie sie vorgestellt werden – alle Exponate gleichwertig zu präsentieren ist einfach nur langweilig und altbacken.
Fragen
Welche jüdischen Themen jenseits von Hitler und Holocaust spielen in aktuellen Comics eine Rolle? Wie gehen Zeichner und Autoren mit diesen Themen um – gibt es vielleicht Tabuthemen? Gibt es besonders beliebte Figuren, Themen oder Schauplätze in jüdischen Comics? Wie unterschiedlich gehen jüdische Künstler in Amerika, Europa und dem Nahen Osten mit Vergangenheit und aktuellen jüdischen Themen um? Und so weiter… Mit all diesen Fragen bin ich in die Ausstellung gegangen und auch wieder hinaus gekommen. Die meisten Ausstellungen verlasse ich hingegen mit dem guten Gefühl mehr gelernt zu haben, als ich wissen wollte, mit erweitertem Horizont und vielleicht neu entfachten Interessen. Einfaches Exponate aneinander reihen und deren Geschichte in einem Raumtext zusammenzufassen ist für mich kein zukunftsfähiges Ausstellungskonzept!
Museumsshop
Hier noch zwei witzige Comics, die es nicht vom Museumsshop bis in die Ausstellung geschafft haben: »Adolf im Wahnderland« von James Dyrenfoth und »Struwwelhitler« von DoktorSchrecklichkeit.
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