In Hülle und Fülle
Das gilt nicht nur für Speis und Trank auf Staatsbanketten und Familienfesten, sondern auch für diese Ausstellung. Die Kuratoren setzen auf inhaltliche Vollständigkeit und mir hat es an nichts gefehlt: Suppenkaspar und Signa Loquendi, Fernseher und Freeganer, Kantine und Krieg, ja sogar der Hunger ist ein Thema. Verhüllt mit szenografischem Ideenreichtum, birgt diese Fülle neben Alltäglichem viel interessantes Neues und macht Spaß!
Geschmackserinnerungen auf alten Briefen leiten den Besucher an einer Girlande entlang in die Ausstellung. Gesammelt hat diese Briefe, die entweder sehr liebevoll reproduziert wurden oder wirklich echt sind, der Volkskundler Andreas Hartmann. Ein kleines Gedicht über die »Waldbeergaumenfreude« ist auch dabei – eine gelungene thematische Einstimmung.
Inhaltlich ist die Ausstellung in fünf Bereiche gegliedert: zuhause essen, auswärts essen, draußen essen, öffentlich essen und richtig essen.
Die erste schöne Idee der Szenografen, entdecke ich bei dem Thema »Erziehung« im Bereich »zuhause essen«: auf einem Tisch steht ein Suppenteller, der mit dem verzweifelten Ausruf des Suppenkaspars »Nein, ich esse meine Suppe nicht!« bedruckt ist. Die Idee der bedruckten Teller zieht sich durch die komplette Ausstellung, ist allerdings nirgends so witzig wie hier.
In der Szene »Familienfeste« wird ein weiteres wiederkehrendes Gestaltungsmittel eingeführt: die Schräge. Der vor das Foto montierte Tisch verjüngt sich perspektivisch nach hinten und verläuft zudem schräg nach unten. So führt er die festliche Tafel fort und setzt sich trotzdem ab. Gut finde ich auch, dass die Ausstellungsmöbel nicht immer komplett einfarbig gestrichen sind, sondern wie hier, eine weiße Fläche bleibt um Inhalte zu trennen.
Für weniger gelungen halte ich die Farbwahl insgesamt: die einzelnen Räume sind in den Pastelltönen Gelb, Graubraun, Mintgrün, Apricot und Blau gestrichen. Mir fehlt der inhaltliche Bezug zu den Bereichsfarben, die Farbwahl wirkt beliebig. Sicherlich ist das Farbsystem eine große Herausforderung, wenn man wie hier nicht nur alle Wände mit diesen Farben streichen, sondern auch Ausstellungsmöbel und Textfahnen bedrucken will, aber beim Gang durch die Räume fühlen sich diese Farben irgendwie unpassend an. Vielleicht ist es aber auch einfach nur zu viel Farbe, man hätte ja nicht den kompletten Raum in Mintgrün streichen müssen, ein dezenteres farbliches Orientierungssystem hätte vielleicht ausgereicht.
Saftig grün ist der Rasen in der Themenecke »Picknick«. Viele kleine Inszenierungen wie diese machen die beschriebenen Orte in der Ausstellung erlebbar, der Blick auf die verstreut im Grase liegenden Teller und Becher ruft sofort eigene Picknick-Erinnerungen hervor. Und Goethes geliebten Picknick-Korb wird man auf diese Weise sicher nicht so schnell vergessen… Ebenfalls im Freien aber weit weniger genüsslich speisen die »Freeganer«. Im Gegensatz zu Obdachlosen durchwühlen sie freiwillig und aus ideologischen Gründen die Mülltonnen nach Essbarem:
»Freeganer verstehen sich als Boykotteure der Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, indem sie kostenlos zu leben versuchen ohne materielle Not zu leiden.«
Dann doch schon lieber ein Picknick oder ein Symposium, denn wie ich in einer Hörstation erfahre, war ein Symposium im antiken Griechenland nicht wie heutzutage mit Arbeit verbunden, sondern ein üppiges privates Gastmahl mit Zeremonienmeister, musischen Darbietungen, viel Wein und philosophischem Gesprächsstoff. Den von Platon aufgezeichneten Dialogen kann man in den »Reden über den Eros« lauschen. Hörstationen sind hier und da in die Ausstellungsmöbel integriert, in jedem Raum gibt es aber auch noch eine Filmstation. An einem Tisch kann man thematisch passende Filmausschnitte an einem Computermonitor ansehen und via Mouse hat man gute Navigationsmöglichkeiten. Zusätzlich liegen hier mehrere Bücher, die man in Ruhe durchblättern kann.
Die Raumgestaltung innerhalb der einzelnen Bereiche ist klar und abwechslungsreich zugleich, so gibt es wiederkehrende Elemente wie die großen Tischvitrinen, die meist mittig platziert sind, aber auch immer wieder neue Präsentationsmedien. Die Ausstellungsgestalter wanken auf dem schmalen Grad zwischen Abwechslung und Inkonsequenz, wobei ich als Besucher auf jeden Fall mehr Freude an der Abwechslung hatte, als das mich die gestalterische Inkonsequenz gestört hätte. Diese Ausstellung ist eben für Entdecker gedacht und neue Elemente machen zudem auf den Inhalt neugierig. An ausstellenswerten Inhalten gibt es jedenfalls genug. Die Vitrinen sind schon fast zu voll, aber die großen Räume kompensieren die Fülle.
Bei früheren Kaiserkrönungen in Frankfurt war die Fülle sogar das Entscheidende: der neue Kaiser veranstaltete eine öffentliche Grillparty fürs Volk, ein Haferberg wurde aufgetürmt an dem sich jeder bedienen konnte und aus den Brunnen floss Wein. Sehr schön ist hier die Darstellung des feiernden Volkes durch Holzschnitte. Die Figuren sind in witzigen und lebendigen Posen abgebildet und ein trunkener Gast liegt bereits am Boden. Text ist in dieser Ausstellung einfach überall, nicht nur auf Textfahnen, Tischen, Tellern und Ausstellungsmöbeln, sondern auch auf diesen Holzfiguren. Die Idee der Holzfiguren wird im nächsten Raum zur Visualisierung einer Arbeitergruppe mit Hänkelmännern wieder aufgegriffen.
Ebenfalls sehr einfallsreich inszeniert ist die Sofaecke mit Fernseher. Wo andere vielleicht einfach ein ganzes Sofa vor die Wand gestellt hätten, ragt hier nur eine schräg angeschnittene Ecke in den Raum. Ein schönes Element, das auffällt ohne die Aufmerksamkeit von den eindrucksvollen Fotografien an der Wand abzulenken. Sie zeigen jeweils eine Familie aus Japan, Afrika, der Türkei, Ägypten und Deutschland mit ihrem Wocheneinkauf. Auffallend ist neben der Nahrungsmittelmenge auch der große Unterschied im Verhältnis von frischen und abgepackten Lebensmitteln.
Der Bereich zum Thema »Kantine« wird nicht nur von Fotografien gesäumt, die die Entwicklung von alten Arbeiterkantinen bis zur modern eingerichteten Mensa heute zeigen, sondern auch von einem Fließband mit bedruckten Tabletts. So schaut der Besucher in die Vitrine wie er vielleicht gestern noch in das Regal mit den Desserts in seiner Betriebskantine geschaut hat und wird sich hier wieder finden. Die Inszenierungen liefern weniger Interpretationen oder verhelfen zu geistigen Sprüngen, als das sie ein Gefühl von »Ja, so ist es (gewesen)!« vermitteln. Einigen Besuchern kamen ähnliche Worte über die Lippen und das immer mit einem zufriedenen Lächeln – als hätten sie eine Bestätigung ihrer Ansichten bekommen oder einfach nur Recht. Und wer bekommt das nicht gern?
Im Hintergrund ist die Inszenierung des Themas »Krieg« zusehen mit der guten alten Gulaschkanone hinter einem Berg aus Sandsäcken um einen Schützengraben. Die Gulaschkanone gehört für mich zu den Dingen, die man nicht unbedingt als erstes aufgezählt hätte, wenn man selbst diese Ausstellung hätte zusammenstellen sollen und umso schöner ist es, sie hier wieder zu sehen. Gerade solche Raritäten machen die Ausstellung inhaltlich interessant, die Imbissbude und der Fernseher sind ja unsere alltäglichen Begleiter.
Nicht um Krieg, aber um Konflikte geht es auch bei Wam Kat. Gezeigt wird ein Ausschnitt aus dem Film »Der kulinarische Gipfel« über die Verpflegung von Staatsgästen, Polizei und Demonstranten beim G8 Gipfel in Heiligendamm 2007. Während sich der Staat mit belegten aber gelieferten Brötchen und einem Wildschwein am Grill um die Staatsgäste kümmert, bekam die Polizei als ausführendes Staatsorgan mit abgepacktem Brot und Würstchen die bei weitem schlechteste Verpflegung. Die Demonstranten wurden mit frischem Biogemüse bekocht von Wam Kat und dem Kochkollektiv Rampenplan. Ihr Motto:
»Mancher Konflikt löst sich in Luft auf, wenn man etwas Gutes zusammen isst. Und das nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auch im Protestcamp oder im Flüchtlingslager. Wam Kat und das Kochkollektiv Rampenplan zeigen, dass sich mit dem Kochlöffel die Welt verblüffend einfach verbessern lässt und machen deutlich, was Küche mit Politik zu tun hat.«
Um Politik geht es auch bei einem Thema das zum Essen gehört wie der Schatten zum Licht: der Hunger. Und Hunger gibt es auch hier in Deutschland obwohl es Lebensmittel im Überfluss gibt. »Die Tafeln« bemühen sich um einen Ausgleich indem sie einwandfreie Lebensmittel, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr verkauft werden können, an bedürftige Menschen verteilen. Diese Menschen und die Helfer bei den Tafeln sind in der Ausstellung mit großen Portraitfotos von Sabrina Hinck vertreten.
Von der Politik zur Religion ist es nur ein Katzensprung. Und was machen Religionen besonders gern? Regeln aufstellen. So finden sich in der Ausstellung zahlreiche Beispiele für Regeln verschiedener Religionen zur Wahl der Speisen, Vorschriften bei der Zubereitung oder zu Tischsitten. Vom Fasten bis hin zu Opfermahlen und dem verbotenen Apfel der Eva sind einige Begebenheiten aus Judentum, Islam und Christentum vertreten. Am interessantesten finde ich den Bericht über die Benediktiner Mönche, die im frühen Mittelalter durch ihr Schweigegelübde gezwungen waren, zur Koordination der Arbeitsabläufe in der Küche und der Kommunikation bei Tisch, eine Zeichensprache zu entwickeln: die Signa Loquendi. Einige der 359 Handzeichen sind neben den Lebensmitteln die sie symbolisieren über dem Fresco zu sehen. Der Mix aus altem Gemälde, Kinderfotos, stilistisch ungleichen Lebensmittelabbildungen und den freigestellten Händen ist hier allerdings etwas unvorteilhaft.
Über Lebensmittelskandale, Lebensmittelpyramide und Bircher Müsli kommt die Ausstellung mit dem Thema »richtig essen« zum Abschluss – ein gutes Thema um die Qualität der eigenen Ernährung in Frage zu stellen, wo man doch jetzt eh noch ein wenig übers Kochen, Essen und Reden nachdenkt. Wer sich gleich vor Ort noch ein wenig schlau machen möchte ist an den Computerterminals am Aus- und Eingang gut aufgehoben. Hier kann man eine eigens zusammengestellte und nach den Ausstellungsthemen sortierte Linksammlung durchforsten oder sich per Email nach hause schicken lassen. Wer noch einmal nachlesen oder das ein oder andere Thema vertiefen möchte, kann sich den Ausstellungskatalog kaufen. Das Buch ist zwar nicht perfekt gestaltet, aber die Texte sind genauso gut geschrieben wie die Ausstellungstexte und es macht Spaß sie zu lesen…
Nach dem Ausstellungsbesuch sollte man unbedingt gleich was essen gehen, egal ob in ein schickes Restaurant oder an die nächste Currywurstbude. Man kann dort darüber reden oder genießen und schweigen, auf jeden Fall beschleicht einen das gute Gefühl, das man jetzt mehr weiß übers Essen – zumindest mehr als der Tischnachbar.
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