Originalität, Humor und viele Fragen statt Propaganda
Die Pharmaindustrie ist ein Thema dem fast jeder mit Skepsis gegenübersteht. Arzneimittelskandale und Co werden in dieser Ausstellung, die in Kooperation mit der Schering-Stiftung entstand, nicht wie erwartet unter den Teppich gekehrt, sondern offensiv aufgegriffen. Statt vorgefertigte Antworten zu servieren will diese Ausstellung Fragen stellen. An den dafür entwickelten Dialog-Stationen kann sich der Besucher aktiv mit Tierversuchen, Arzneimittelstudien, Tablettensucht und den Nebenwirkungen von Medikamenten auseinandersetzen.
Die Ausstellung »Pillen und Pipetten« mit dem Untertitel »Die chemisch-pharmazeutische Industrie am Beispiel Schering« ist keine Ausstellung über Schering und fühlt sich auch nicht so an. Das war sicher nicht ganz einfach! Da sich die Ausstellung mit historischen und aktuellen Themen der chemischen und pharmazeutischen Industrie befasst, haben Auswahl, Anordnung und Inszenierung einzelner Themenkomplexe nichts mit Schering im Speziellen, sondern vielmehr mit dem Industriezweig im Allgemeinen zu tun. So wird z.B. der Arbeitsplatz eines Chemikers im Labor inszeniert, aber nicht speziell der Arbeitsplatz bei Schering. Überschriften bleiben allgemein: Kampfer-Synthese, Pflanzenschutz, Galvanotechnik, Fotochemikalien, Hormongewinnung… Die in den einzelnen Stationen erklärten Stoffe oder Produkte sind natürlich von Schering und auch die Firmengeschichte hat ein Plätzchen bekommen, bzw. ist die Geschichte von Schering einfach ein Teil der Geschichte der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Berlin. Dafür dass die Schering-Stiftung in diese Ausstellung 1 Mio Euro investiert und dadurch kostspielige Inszenierungen und innovative multimediale Anwendungen ermöglicht hat, kann man soviel Schering wohl ertragen…
Gelb
Mit wenig Schering und viel Berlin wird der Besucher in einem gelben Mittelgang empfangen. Dieser ist zu beiden Seiten offen, sodass man an verschiedenen Stellen in die benachbarten Räume wechseln kann. Der rechte Raum ist in blau gehalten und befasst sich mit der Chemie, der linke grüne Raum bietet Wissenswertes über die Pharmazie. Insgesamt verfügt die Ausstellung über eine Fläche von 400 qm. Gelb ist die Einführung in die beiden Kernthemen der Ausstellung: Was ist Chemie? Was ist Pharmazie? Zudem zeigt eine interaktive Karte die Produktions- und Forschungsstandorte in Berlin um 1900 und 2000. Etliche Nobelpreisträger mit einer Verbindung zu Berlin werden vorgestellt und am Ende des Mittelgangs befindet sich ein kleiner Schatz: der Medizinschrank.
Hier kann man nicht nur die liebevoll sortierten historischen Medikamentenverpackungen bestaunen, sondern mit der angebrachten Vorrichtung solange an dem Schrank entlangfahren, bis man über einem markierten Punkt ist. An den vier Punkten wird je ein Produkt nicht nur textlich, sondern auch wortwörtlich näher beleuchtet: Vermarktungsschlager wie die Spalt-Tablette und Bullrich-Salz, Eu-Med als eines der ältesten Schmerzmittel Berlins und Pervitin, ein Aufputschmittel wie Speed, das in Kriegszeiten zur Standardausrüstung der »Kleinkampfverbände« gehörte. Wen das nicht vom Hocker reißt, der hat vielleicht wenigstens Freude an den unterschiedlichen Verpackungsdesigns: neben Pappschachteln und Plastikröhrchen sind einige Schönheiten wie alte Metalldosen mit Prägung und Skurilitäten wie noch gefüllte Morphin-Ampullen dabei. Diese und weitere Schätze der Ausstellung stammen aus dem Scheringianum, dem internen Museum auf dem Firmengelände im Wedding. Und da jeder Schatz einmal bestaunt werden will, suchte die Schering-Stiftung nach einem Kooperationspartner für eine Ausstellung, die diese Schätze für eine breitere Öffentlichkeit zur Schau stellt. Dieser Partner ist nun das Deutsche Technikmuseum in Berlin, das sich mit dieser Ausstellung nicht nur die Wissenschaft ins Haus holt, sondern auch als erster die Chemie- und Pharmaindustrie museologisch bearbeitet.
Blau
Im blauen Raum geht es um die Geschichte der chemischen Industrie und deren Anwendungen, aber auch z.B. um die Sicherheit am Arbeitsplatz im Labor und spezielle technische Verfahren. Durch den Themenbereich Chemie zieht sich das Sechseck als Grundstruktur eines Moleküls als übergeordnetes Gestaltungselement. Ein flexibel montierbares System aus weißen Kunststoff-Waben strukturiert den Raum und dient als Aufhänger für Texte und Bilder. Durch Unterbrechungen entstehen interessante Formen und Gegenformen, die nicht nur eine abwechslungsreiche Gestaltung des Raumes, sondern auch die harmonische Integration von Monitorstationen und anderen Installationen ermöglichen. Bis auf einzelne rechteckige Glasvitrinen, die hier und da etwas verloren an der Wand hängen, ist der Raumeindruck sehr stimmig. Besonders faszinierend ist die Lichtstimmung. Hier sind nicht nur Exponate und Texte ins richtige Licht gesetzt worden, sondern die Lichtdesigner haben vielmehr verschiedene Atmosphären geschaffen und das nicht nur von Raum zu Raum mit unterschiedlichen Farben, sondern auch innerhalb der Räume mit Lichtakzenten und abgedunkelten Ruhezonen.
Inhaltlich ist die Kampfer-Synthese der erste Themenschwerpunkt – das klingt langweiliger als es ist oder wussten Sie, dass dadurch tausenden Elefanten quasi das Leben gerettet wurde?
»Bis zum Ende der 1860er Jahre wurden Billardbälle aus Elfenbein hergestellt. Durch die steigende Beliebtheit des Spiels stieg auch die Nachfrage nach Bällen und das teure Elfenbein wurde knapp. Eine Billardfabrik in den USA lobte einen Preis für einen Ersatzstoff aus. Den Preis gewann der Stoff Celluloid, eine Mischung aus Cellulosenitrat und Kampfer. Der Kampfer diente als Weichmacher, um das Celluloid formbar zu machen.«
In kurzen knackigen Texten erfährt der Besucher, wie sich die industrielle Produktion chemischer Stoffe entwickelt hat, eine Infografik erklärt wie Weichmacher funktionieren und eine Riechstation verströmt den Geruch von Kampfer, der an Wick Vaporub erinnert. Die Riechstation ist ebenso wie die mit Texten und Bildern bedruckten Formen aus gefüllten Sechsecken gut in das flexible Raumsystem integriert. Einzig das Layout der Texte und Bilder wirkt etwas lieblos im Vergleich zu der sonst so detaillierten und ausgetüftelten Ausstellung, in der sogar die zahlreichen Hörstationen weit über der durchschnittlichen Qualität liegen. Im Allgemeinen sind Texte und Sprecher für Hörstationen wohl der Posten, bei dem als erstes gespart wird – in dieser Ausstellung habe ich mir alle Hörstationen angehört! Selten habe ich so spritzige humorvolle Texte gehört, die auch noch mit Elan gesprochen sind. Leider griffen nur wenige der Besucher, die ich sah, zu den Hörmuscheln – vermutlich weil sie die sonst übliche einschläfernd ruhige Altherrenstimme erwartet haben, die eine akademische Abhandlung vorträgt… Die Hörstationen befinden sich übrigens an den selbstleuchtenden zylinderförmigen Glasvitrinen mit den Strukturmodellen. Hier werden chemische Stoffe oder Produkte wie das Piperazin vorgestellt: Piperazin wurde 1890 von Albrecht Schmidt als »Mittel zur Steigerung der sexuellen und geistigen Leistungsfähigkeit« entwickelt, wirkte jedoch nicht. Da Zufälle und Fehler in der Forschung aber nicht unbedingt negative Faktoren sein müssen, konnte das Mittel letztendlich erfolgreich gegen Gicht eingesetzt werden.
An dieser Installation ist kein Besucher achtlos vorbeigeschlendert: an dem Experimentiertisch kann man sich sein eigenes Feuerwerk in einer von drei Farben zusammenmischen und dann in zwei Intensitätsstufen explodieren lassen. Gemischt wird via Touchscreen und die Explosion ist dann durch das Fenster am Berliner Nachthimmel zu sehen – eine sehr nette Idee, bei der man natürlich alle drei Farben ausprobieren muss!
Nun kommen wir wieder zu etwas Schering, denn der nächste Themenkomplex beleuchtet die Firmengeschichte. Interessant ist hier die Umsetzung zur Entwicklung des Firmengeländes vom Einzelhandelsgeschäft, der »Grünen Apotheke«, bis zum heutigen Gebäudekomplex, der mehrere Straßenzüge umfasst. Zusehen ist diese Entwicklung auf einem speziellen 3D-Monitor, der das räumliche Sehen ohne Spezialbrille ermöglicht.
Mit dem Gebäude veränderte sich auch das Firmenlogo und man sieht, das Blau und Grün nicht ohne Grund die dominierenden Farben der Ausstellung sind: seit dem Redesign des Schering-Logos sind dies die Firmenfarben und auch das Logo der heutigen Firma Bayer Schering Pharma AG ziert ein blau-grüner Kreis.
Was verständlicher Weise in der Ausstellung keine Erwähnung findet, aber für typophile Leser hier vielleicht von Interesse ist: Seit 2000 hat Schering seine eigene Schriftfamilie »Schering Typefaces«. Die knapp 30 Schriftschnitte hat der Berliner Typograph Alessio Leonardi entwickelt.
Etwas versteckt aber witzig ist die mir bisher unbekannte Augendusche im nächsten Themenbereich »Arbeitsplatz eines Chemikers«. Zusätzlich zur Notfall-Ganzkörperdusche gehört die Augendusche zum Sicherheitsstandard in jedem Labor und hat sogar ein eigenes Piktogramm.
Im letzten Themenbereich, dem Pflanzenschutz, werden die Besucher bereits von unzähligen kleinen Kartoffelkäfern erwartet, die den eigens für sie angefertigten Kunststoff-Kartoffelacker bevölkern. Schön bunt und niedlich, aber leider nicht willkommen. Hier erfährt der Besucher wie man die Ernte vor den Schädlingen schützt und wie die Tierchen in den 50er Jahren sogar zu Propagandazwecken missbraucht wurden. Der im wahrsten Sinne des Wortes spritzige Text der Hörstation zum Pflanzenschutzmittel DDT beginnt mit der Frage:
»Wenn Sie Arsen auf Ihrer Kartoffel finden würden, was würden Sie tun?«
Grün
Der grüne Raum beschäftigt sich mit der Geschichte, aktuellen Themen und Produkten der pharmazeutischen Industrie. In Anlehnung an die Produkte zieht sich das Blister-Packungsdesign als ein wesentliches Gestaltungselement durch den Raum. Und auch dieses System ist flexibel bespielbar: ob mit hinterleuchteten Fotos, ausziehbaren Elementen oder tief nach innen gehenden Vitrinen für größere dreidimensionale Exponate. Besonders gut gelungen ist auch die inhaltliche Integration dieses Gestaltungselementes. So werden die ausgesparten Ovale an der gebogenen Wand zum Thema »Vom Wirkstoff zur Arznei« beispielsweise genutzt um die einzelnen Entwicklungsstufen durch eine Lichtbewegung zu verbinden. Durch diese Darstellungsform wird dem Besucher die große Zeitspanne erst bewusst: die Wirkstoffsuche dauert bis zu 4 Jahre, vorklinische Studien ca. 3 Jahre, die klinischen Studien dann noch einmal bis zu 4 Jahre und bis zur Arzneimittelzulassung vergehen weitere 2 Jahre.
Auf dem zweiten Teil der Wand wird die Geschichte der Hormongewinnung und die damit verbundene Erfolgsgeschichte der Antibabypille erläutert – das Produkt das 1960 die Welt revolutionierte und mit dem Schering berühmt wurde. Hier erfährt der Besucher wie Forscher sich anfangs mit der Hormongewinnung aus dem Urin Schwangerer, dem Urin von Polizisten und sogar aus Schweineovarien und Stierhoden abmühten. Zur Illustration ist eine »Abtrennvorrichtung« aus Metall in die Wand eingelassen. Mit einem Augenzwinkern betrachtet auch der Text der Hörstation zum Östradiol die ersten Schritte der Hormonforschung:
»In den frühen 1920er Jahren machten sich Forscher auf, den kleinen Unterschied zu erforschen. Natürlich nicht die äußeren Zeichen, also die primären Geschlechtsmerkmale, die waren den Forschern schon bekannt, sondern die Ursache dafür, warum der eine ein ER und die andere eine SIE ist.«
Ein museologisches Highlight ist die ausgestellte Packung der ersten Pille »Anovlar«. Verwirrender Weise waren in der Anovlar-Packung damals nur 20 Dragees, während die heutigen Pillenpackungen 21 Dragees enthalten. Alle heutzutage üblichen Verhütungsmittel sind in der Ausstellung in drei größeren Schaukästen untergebracht. Da das Deutsche Technikmuseum überwiegend von Schulklassen besucht wird, kann ein bisschen Aufklärung ja nicht schaden.
Die Dialogstationen befassen sich u.a. auch mit den Nebenwirkungen der Pille. Sie sind eingebettet in das zweite Gestaltungselement dieses Raumes, das Fließband. Während auf dem Fließband am Ende des Raumes die Herstellung verschiedener Medikamentenformen wie Salben, Pillen und Zäpfchen vorgestellt wird, kann sich der Besucher an den Dialogstationen am Anfang des Raumes mit kritischen Themen wie Tierversuchen, Arzneimittelstudien oder Tablettensucht auseinandersetzen. In der Mitte des Touchscreens steht ein grüner Stuhl. Wählt man eines der vier Themen aus, kommt ein Schauspieler ins Bild gelaufen, nimmt auf dem Stuhl Platz und erzählt seine Geschichte. Ich kann verstehen, dass man die Dialogstationen in das Fließband integrieren wollte, aber vielleicht wäre es anschaulicher gewesen, wenn der Besucher dem Schauspieler auf einem grünen Stuhl quasi gegenüber sitzen könnte, den Monitor in Augenhöhe… Die einzelnen Clips sind ca. 3 Minuten lang und die verschiedenen Schauspieler sind beeindruckend authentisch. Statt ein Plädoyer für Tierversuche zu halten, erzählt eine Mutter von ihrer kleinen Tochter. Seit sie weiß, das für Wurst- und Fleischwaren niedliche Tiere sterben müssen, will die Kleine kein Fleisch mehr essen. Nun ist sie schwer krank und der Arzt verschreibt ihr Antibiotika.
»Mama, die nehme ich aber nur, wenn die Antibiotika nicht an Tieren getestet wurden!«
Bei der Recherche im Internet findet die Mutter heraus, dass Tierversuche in Deutschland sogar gesetzlich vorgeschrieben sind, ehe ein Medikament auf den Markt kommt. Nun bittet sie den Besucher um Rat:
»Soll ich das meiner Tochter sagen oder sie belügen damit sie die Tabletten nimmt?«
Der Besucher kann nun seine Antwort über den Touchscreen eingeben und erfährt dann, was die Mutter darüber denkt.
In Bezug auf die Pille bittet ein Jugendlicher die Besucher um Rat: seine Freundin leidet unter verschiedenen Nebenwirkungen und überlegt nun die Pille abzusetzen. Dem Jugendlichen ist aber durchaus bewusst, das die Pille das bei weitem sicherste Verhütungsmittel ist und was es für das junge Paar bedeuten würde, wenn seine Freundin schwanger wird.
Für mich sind die Dialogstationen ein gelungener innovativer und vor Allem interaktiver Umgang mit kritischen Themen, wobei dies nicht der einzige Ort in der Ausstellung ist, wo die Kritiker zu Wort kommen. Arzneimittelskandale wie der Duogynon-Skandal haben hier und da ein Plätzchen gefunden. In der eingebauten Sitzniesche kann der Besucher dem Song über den »Gott der Pille« von Franz Josef Degenhardt an einer Radiostation lauschen.
»Was sollst du glauben Christ?
Der Papst sagt NEIN zur Pille und das ist Gottes Wille…«
Mit diesem Song im Ohr spaziert man vorbei an Penicellin, Acetylsalicylsäure und einer riesigen Tablettenmaschine aus der Ausstellung und am besten gleich noch durch den luftigen grünen Museumspark und ist ein bisschen schlauer was Chemie, Pharmazie und die Geschichte der Hauptstadt betrifft.
{ fin }




