Reden wir vom Klima oder nur übers Wetter?
Wer Podiumsdiskussion und Kurzfilmprogramm bei der Vernissage verpasst hat und als regulärer Besucher lediglich die Video- und Soundinstallation in der Black Box der Akademie der Künste besichtigt, wird sich diese Frage wohl nicht stellen. Vermutlich wird er sich gar keine Fragen stellen, weil diese Installation keine aufwirft.
Denn der Titel »Video- und Soundinstallation« verspricht mehr als er zu bieten hat: In dem atmosphärischen Raum wurden 11 Videos, mediale Auftragsarbeiten für das Goethe-Institut Rio de Janeiro, zeitgleich an die kahlen grauen Betonwände und auf den Fußboden projiziert. Der »Sound« war eher eine Geräuschkulisse, ein Mix aus den Tonspuren der einzelnen Videos, die aus einem einzigen Lautsprecher zu kommen schienen. So konnte man die Geräusche den Bildern nur unter logischen Gesichtspunkten zuordnen. Aber darauf scheint es hier nicht anzukommen: diese Installation setzt nicht auf Information oder tiefergehende Beschäftigung mit den einzelnen Projekten, sondern auf die Kraft der Masse und auf Dramatik: sie macht Angst vorm Wetter.
Wenn man den Raum betritt fühlt man sich eingeengt und bedroht, bedroht von den Unwettern auf den Videos. Ein alter Mann mit Mütze kämpft gegen einen Schneesturm, Robben robben im Regen durch eine verlassene Stadt, flackerndes Feuer, Dürre in Afrika, ein Eisbrecher… Irgendwie banal und einfallslos in einer Installation über Unwetter einfach nur Videos von Unwettern zu zeigen. Und nur weil man dafür einen Projektor an der Decke installieren musste ist das noch keine Installation! Weiterdenken, interpretieren, Metaphern ersinnen… das erwartet man doch von Kunst. Die gezeigten Videos waren aber weder künstlerisch noch ästhetisch, sie wirkten eher wie Ausschnitte aus Fernsehdokumentationen, wie Momentaufnahmen ohne Geschichte oder Entwicklung. Ein Mann lief einfach nur durch einen Schneesturm und die Robben robbten den ganzen Abend ohne irgendwo anzukommen. Das einzige abwechslungsreiche Video war »Secret Life« von Reynold Reynolds. Ein Video-Stopptrick mit ästhetischen Farben, interessanten Schnitten und einer Dramaturgie. Es zeigte eine Frau (Sex sells) die in ihrer Küche mit frischen Früchten rumsaut und sich am Ende halb nackt und besudelt auf dem Boden räkelt – hier ist allerdings die Frage: was für ein Unwetter soll das sein? Dem Infoblatt entnehme ich dazu:
»Die Natur bemächtigt sich des privaten Raums, der stille Wachstum der Pflanzen wird sichtbar gemacht, sie tanzen und zirkulieren durch den Raum wie der Sekundenzeiger einer Uhr.«
Das ist für meine Begriffe zu weit hergeholt! Das Künstlerische was den anderen Filmen fehlte, ist hier zwar formal gelungen, doch inhaltlich wird das wohl kaum jemand so verstehen.
Wenn diese Installation aber offensichtlich keine Inhalte transportieren will, was will sie dann? Die großen Lettern an der Betonwand verraten es:
»Klima ist Wetter ohne Poesie und Ästhetik. […] Klimaveränderungen gehen immer mit Veränderungen der Kultur einher. […] Die zunehmend medialisierten klimatischen Phänomene müssen wieder ›kulturalisiert werden‹, indem die ästhetischen Temperaturen eines neuen Lebensgefühls gemessen werden.«
Die anschließende Podiumsdiskussion ist da etwas aufschlussreicher und lässt erahnen, was wirklich hinter den Filmen steckt: interessante Ideen, technische Innovationen und spannende Geschichten von entlegenen Orten. So war die verlassene Stadt, durch die die Robben im Film »Stormness« robbten, zum Beispiel ein ehemaliger Walfängerort. Der sympathische Simon Faithfull erzählte begeistert von seiner Reise mit einem Forscherteam auf dem Eisbrecher zu dieser unwirklichen Insel an der Küste Südgeorgiens. Eine witzige Anekdote war auch die von ihm beschriebene Reaktion der Forscher auf seine Person: sie hätten wohl lieber noch einen weiteren Forscher mit an Bord genommen, wo die Plätze auf einem Eisbrecher doch begrenzt sind. Worin liegt der Sinn einen Künstler mitzunehmen?
Eher simpel und ernüchternd, war der Gesprächsbeitrag von Agnes Meyer-Brandis, die gar nicht oft genug betonen konnte, das sie halt einfach nur ihre Arbeit macht und das Klima nur durch Zufall in ihre Arbeit hineingerät, weil sie eben meist an Orten arbeitet, wo die Klimaveränderungen besonders spürbar sind, wie eben auf den Gletschern in Patagonien. Kurator Alfons Hug wies darauf hin, das Künstler traditionell nur für das Wetter im poetisch romantischen Sinne zuständig seien und das Klima den Wissenschaftlern und Politikern vorbehalten ist – deswegen heißt die Ausstellung auch Unwetter und nicht Klima. Äußerlich mögen auf den Filmen nur »Unwetter« gezeigt werden, doch wer die anderen Künstler und Projekte ein wenig googelt, erkennt die Intention den Klimawandel nicht nur zu dokumentieren, sondern auch ein Umdenken und Handeln jedes einzelnen zu erreichen. Hier gehen Intention und Präsentation weit auseinander, die Installation wird den Künstlern nicht gerecht. Während die Kuratoren der Ausstellung »Wiederkehr der Landschaft«, zu der auch diese Installation gehört, klar Stellung beziehen und mit aktuellen Projekten zur Renaturierung weiter denken, will der Kurator der Unwetter-Installation wohl eben doch nur übers Wetter reden.
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