Entdeckt, erschlossen, zersiedelt, renaturiert, entdeckt…
So klar wie diese Ausstellung ist, so klar ist auch ihre Botschaft: Die Landschaft muss das Gesetz werden. Durch die schlichte und grafisch hochwertige Präsentation der Informationen und die Einbeziehung künstlerischer Medien wie Literatur und Film, vermittelt die Ausstellung ein umfassendes Bild – nicht nur vom Warum, sondern auch vom Wie. Zudem gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm: u.a. ein Filmfestival, eine Landschaftsoper, eine poetische Lesung und zahlreiche Fachveranstaltungen. Die Tür zur »Wiederkehr der Landschaft« wird hier mehr als nur einen Spalt weit geöffnet.
»Die Ausstellung versucht Bedrohungen wie Klimawandel, und Ressourcenmangel als Chance zu interpretieren und nach neuen Wegen zu einer Koexistenz von Stadt und Landschaft zu suchen.«
Der Besucher wird in den drei Teilen der Ausstellung »Landschaft im Kopf«, »Lernen von Venedig und Las Vegas« und »Landschaft weiterdenken« mit auf diese Suche genommen. Die Ausstellungstexte sind verständlich und erfrischend direkt formuliert, sehr informativ und nachhaltig. Einige Thesen oder Worte geistern mir immer noch im Kopf herum.
Treffend: Beim Einleitungstext, der in weißen Plottbuchstaben auf der matt-grauen Wand am Eingang klebt, hat der Zufall der Zerstörung der Landschaft visuell Nachdruck verliehen: In dem Satz »Die Schönheit dieser Landschaft, aber auch das ganze Ausmaß an Zerstörung…« fehlt bei dem Ö in Schönheit ein Ö-Punkt, das Wort Zerstörung ist jedoch unversehrt.
Landschaft im Kopf
Der erste Raum holt einen gedanklich dort ab wo man gerade ist: beim Philosophieren über die Landschaft. Spätestens auf dem Weg zur Ausstellung macht man sich ja über das Thema so seine Gedanken… hier angekommen steht man nun im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Gedanken der anderen. Der Literaturwissenschaftler Hubertus Fischer hat poetische, skurile, witzige und verstörende Zitate von Malern, Dichtern und Denkern zusammengetragen, die kreuz und quer im Raum verteilt auf großen Leuchtkästen von der Decke hängen. Die Positionierung der einzelnen Leuchtkästen in verschiedenen Höhen und Formaten wirkt wie ein natürlich gewachsener Wald und bietet den Besuchern ausreichend Spielraum um zwischen den einzelnen Gedanken umher zu streifen. Hier kann man in den Gehirnwindungen anderer auf Entdeckungsreise gehen.
»Immer ist die Landschaft… ein Ausdruck des in ihr lebenden Volkes […] Die Morde und Grausamkeiten der ostischen Völker sind messerscharf eingefurcht in die Fratze ihrer Herkommenslandschaft.«
Heinrich Friedrich Wiepking-Jürgensmann (Direktor des Instituts für Gartengestaltung an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus)
Die Textmengen sind ideal für dieses Medium, vielleicht hätte man aber auch drei Leuchtkästen weglassen können. Da die Zitate aus verschiedenen Epochen stammen, ist es interessant wie ähnlich oder auch gegensätzlich die Beziehung zur Natur im Vergleich zu heutigen Diskussionen über den Klimawandel ist.
»Durch die Landschaft geht ein Strich: Sage Strich, wer schuf den dich? Strich so fern und Strich so fein – wirst doch nicht die Schnellbahn sein?« Robert Gernhardt (deutscher Schriftsteller und Maler, 1937–2006)
Akustisch wird der Raum von den interessanten Geräuschen dominiert, die aus Lautsprechern neben einer großen Videoleinwand tönen. Zu sehen ist eine Frau oben ohne im Bleistiftrock, die mit einem Bündel Hirschgeweihe im Arm in einer weiß gefliesten großen kalten Halle Pirouetten dreht. Verwirrender Weise steht links und rechts neben der Leinwand ein Text und ich weiß nicht so recht, welchen ich zuerst lesen soll. »Metamorphosen« vs. »Ort der Diana« – Diana gewinnt, das könnte die Frau sein. Der Text beschreibt wie Diana in einem paradiesisch üppigen Tal jagt und sich danach an einem sprudelnden Quell erfrischt. Dazu das entgegengesetzte Bild im Tanztheaterstück von Reinhild Hoffmann auf der Leinwand: ein abgeranzter Wasserhahn an einer leblosen Wand. Der Text von Ovid handelt ebenfalls vom Jagen und bildet so eine interessante poetische Zusatzebene zum ersten Text und dem Video. Der siebenminütige Ausschnitt läuft im Loop und man kann ihn sich bequem von einer gepolsterten Bank aus ansehen.
An der hinteren langen Wand des Raumes sind mehrere Monitore befestigt, auf denen Filmausschnitte laufen: u.a. »Petropolis«, »Berlin-Stettin«, und »Pommernland«. Hier gibt es zu jedem Monitor leider nur einen Kopfhörer und keine Sitzgelegenheiten. Mit teilweise 20 bis 30 Minuten sind mir die Filmausschnitte viel zu lang, ich schaue mir »Petropolis« lieber nach der Ausstellung auf dem begleitenden Filmfestival an.
Lernen von Venedig – Lernen von Las Vegas?
Der zweite Raum ist angenehm klar und großzügig gestaltet. So großzügig wie der Mensch mit Landschaft umgeht. Als Beispiel dienen Venedig und Las Vegas – zwei Städte wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und die doch mittlerweile beide vor den gleichen existenziellen Umweltproblemen stehen. Die Po-Ebene ist ebenso zersiedelt und durch ein engmaschiges Straßennetzt zerschnitten wie das Tal von Las Vegas, lange Verkehrswege steigern den Energieverbrauch und der verschwenderische Umgang mit freier Landschaft führt zu Wassermangel und Ressourcenknappheit. Das Modell einer weitläufigen Vorstadt hat ausgedient.
»Anders als in Ländern der dritten Welt wächst in den Industrieländern die Bevölkerung nicht. Der Flächenverbrauch ist ausschließlich auf steigende Ansprüche zurück zuführen. Nachhaltigkeit ernst genommen heißt zu allererst den Verbrauch von freier Landschaft zu beenden…«
Die beiden großen flachen Becken mit ein paar Metern Durchmesser in der Mitte des Raumes sind besonders beeindruckend: Das Becken für Venedig ist mit Wasser gefüllt und das für Las Vegas mit Sand. Einen schönen Effekt erzeugen die beiden Projektoren über den Becken, die jeweils an eine Stelle wechselnde runde Bilder auf den ungewöhnlichen Untergrund projizieren.
Auf der Wand gegenüber vom Eingang werden auf fünf großen Videoleinwänden die faszinierenden Fotos aus Venedig und Las Vegas von Alex S. MacLean gezeigt. An der rechten Seite hängt eine lange Infografiktafel über Venedig, an der linken Wand eine über Las Vegas und im Rücken eine zu beiden Städten. Durch seine ästhetische Symmetrie wurde der Raum ohne oft störende Hilfsmittel wie Trennwände oder Linien in zwei Teile geteilt. Eine inhaltliche und formale Klarheit die sich durch die ganze Ausstellung zieht.
Die drei langen Infografiktafeln sind angenehm aufgeräumt, schlicht und übersichtlich. Auch in der Gestaltung setzt sich die Zweiteilung fort: Informationen über Venedig sind blau, über Las Vegas gold. In der Kombination mit dem grauen Untergrund und der weißen Vektorgrafik der Stadtpläne wirkt das sehr elegant und schick. Ein nettes Detail sind die auf dem Boden weitergeführten Linien, zum Beispiel vom Wasserstand in Venedig. Auf den Infografiktafeln werden viele historische Pläne von den beiden Innenstädten und den Wasserverläufen gezeigt, dazu eindrucksvolle alte Gemälde, technische Illustrationen und aktuelle Fotos. Bilder und Texte sind zwar linear angeordnet, da es aber weder eine Nummerierung, noch Jahreszahlen oder einen Zeitstrahl gibt, ist mir nicht ganz klar, ob es sich wirklich um die chronologische Entwicklung der beiden Städte handelt und um welchen Zeitraum es geht.
Landschaft weiterdenken
Nach zwei relativ dunklen Räumen ist der dritte Raum überraschend hell, ja sogar erhellend, denn hier werden, nach dem einem im letzten Raum die bittere Realität vor Augen geführt wurde, zukunftsweisende Projekte zur Renaturierung vorgestellt. Die elf unterschiedlichen aktuellen Projekte sind über die ganze Welt verteilt. Von der »Regenstadt Putian« in China über den »Orange County Great Park« in Kalifornien bis hin zum »Landschaftspark« in Adlershof sind Architekten und Landschaftsplaner mit Ideen zur nachhaltigen Stadtentwicklung dabei neue Kulturlandschaften zu kreieren.
In diesem Raum herrscht Arbeitsatmosphäre: große weiße Tischplatten liegen auf Holzböcken wie man sie aus der Werkstatt kennt hintereinander. Auf jedem Tisch werden ein bis zwei Projekte mit klaren Grafiken, Texten und Fotos dokumentarisch vorgestellt. Über jedem Tisch hängt eine gold gedruckte Karte des Gebietes in dem das Projekt stattfindet, bei einigen Projekten gibt es zusätzlich wunderbar filigrane 3D-Modelle zu bestaunen. Am meisten hat mich das Projekt zur Renaturierung der Mülldeponie »Val d’en Joan« bei Barcelona fasziniert. Hier musste der mit giftigen Abwässern verseuchte Untergrund saniert werden. Gezeigt wurden unter anderem vier große Fotografien der neuen künstlichen Kulturlandschaft die dort im Entstehen ist.
Die letzte Infografiktafel dieser Ausstellung zeigt Zeitungsartikel über Umweltprobleme von 1959 bis zur Jetztzeit und Zukunftsvisionen bis 2059. Das erschreckende daran ist, das es sich um die gleichen Probleme handelt mit denen wir auch heute noch zu kämpfen haben und wahrscheinlich auch vor hunderten von Jahren schon gekämpft haben. So verursachte die Flutung ehemaliger Tagebaugebiete 1959 im Ruhrgebiet schon Wassermangel in angrenzenden Regionen und heute müssen die Bewohner des Spreewaldes um den Wasserstand in ihren Kanälen fürchten, weil das Gebiet um die »Abraumförderbrücke F 60« geflutet werden soll. Da drängt sich einem doch die Frage auf, ob der Mensch überhaupt lernfähig ist und wie man selbst mit Landschaft umgeht…
Ich bin mit großem Interesse, aber sicherlich noch zu kleinem Umweltbewusstsein in diese Ausstellung gegangen und verlasse sie nicht nur mit dem dringenden Bedürfnis die interessanten Projekte weiter zu recherchieren, sondern auch mehr für die Umwelt zu tun. Was kann eine Ausstellung mehr erreichen wollen?
{ fin }




